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Der gute Ton

von Jennifer Block
Erschienen: Zuletzt aktualisiert:

Von Cécile Amend

Melanie Follmer greift sich einen Klumpen Ton, knetet ihn durch, setzt sich an ihre Scheibe und den Klumpen darauf. In dem Moment passiert etwas mit ihr. Wo wir eben noch locker geplaudert haben, entsteht eine Stille. Ihr Blick ist ausschließlich auf den Haufen Ton gerichtet, den ihre Hände sanft durch die Drehungen der Scheibe führen. Ihre Konzentration füllt den Raum. Zentrieren, damit der Ton rund läuft. Den Klumpen aufbrechen, um eine Öffnung zu schaffen. Die Wand des Gefäßes mit den Fingerkuppen in die Höhe ziehen. In wenigen Minuten wächst zwischen ihren Händen ein Gefäß heran, so leicht und fein, wie eine Blume, die sich im Zeitraffer entfaltet. 

Abstrakte Kunst

„Und jetzt Du“, fordert sie mich auf und reicht mir einen neuen Klumpen Ton. Ich setze mich an die Scheibe. Der Ton gleitet durch meine Hände. Zentrieren, aufbrechen, wachsen lassen. Doch dann: ein Blick zur Seite, ein kurzer Wortwechsel mit meiner Lehrerin – verrissen. Der Becher könnte höchstens noch als abstrakte Kunst durchgehen. Ich habe eine „Leiche gedreht“, wie es im Fachjargon heißt, muss von vorne anfangen, habe aber einen kurzen Einblick erhalten, was Melanie Follmer an ihrem Handwerk so fasziniert, wenn sie sagt: „Der Tag, an dem ich den ganzen Tag an der Scheibe sitze, ist der beste Tag. Drehen ist einfach toll.“ Allerdings sind diese Tage in letzter Zeit eher selten geworden, denn die Bardowicker Keramikerin hat kürzlich mit ihrem Unternehmen 3punktf ein Ladengeschäft in Lüneburg eröffnet, in der Oberen Schrangenstraße 5 – Corona sei Dank. 

Fähigkeiten und Leidenschaften

Zehn Jahre ist die Diplomdesignerin in der Modebranche tätig. Sieht nach vier Kindern und dem Umzug aufs Land aber keine Perspektive mehr in ihrem Beruf, in dem sie viel unterwegs war, Messen, Schauen … Zur Keramik kommt sie 2008, weil sie auf der Suche nach neuem Geschirr im Landhauslook ist. „Das gab es aber nur in Braun und Dunkelblau, kein Pastell, überhaupt gab es nur wenige gute deutsche Keramiker, also habe ich es selbst gemacht“, erinnert sich Melanie Follmer. Sie belegt einen Töpferkurs  – und ist sofort gefangen. „Das war magic, hat mir richtig Spaß gemacht.“ In ihrem neuen Beruf kann sie viele ihrer Fähigkeiten, Kenntnisse und Leidenschaften zusammenführen: Form- und Farbensprache, nah am Trend zu sein, ihre Geschirr-Liebhaberei und nicht zuletzt ihre Begeisterung fürs Kochen. Kochen, das sei übrigens auch das Hauptgesprächsthema in der Bardowicker Werkstatt. Sie gründet 3punktf. Der Name kommt von den drei Elementen, mit denen beim Töpfern gearbeitet wird: Feuer, Wasser, Erde; das „F“ von ihrem Nachnamen.

 

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Mal in etwa wird jedes Stück in der Keramikwerkstatt 3punktf während der Produktion in die Hand genommen.

Wiedererkennungswert

Gleich die erste Ausstellung bringt ihr einen Kooperationspartner, mit dem sie bis heute verknüpft ist: Die Lüneburger Boutique Dreiteiler, deren Café sie mit Geschirr ausstattet. Ein wunderbarer Auftakt einer Erfolgsgeschichte. Viele Lüneburger lernen sie dadurch kennen und schätzen. Das 3punktf-Geschirr hat einen hohen Wiedererkennungswert, eine einprägsame Farbigkeit, eine eigene Sprache. Keramik von 3punktf findet sich bald in etlichen Foodblogs und -magazinen. „In den letzten fünf Jahren waren wir so gut wie in jeder Ausgabe von ‚Essen und Trinken‘ vertreten“, sagt Melanie Follmer. 

Der „Glücks-Knaller“

Boom. Sterneköche meldeten sich: Nils Henkel (Papa Rhein), René Frank vom „Coda“ in Berlin (2* Michelin), Marco Müller vom Berliner „Rutz“ (3* Michelin), große Freude, große Ehre, illustre Namen, kreative Kooperationen mit gegenseitiger Inspiration. „Aber wenn von acht Gängen einer auf unserem Teller angerichtet wird, bricht nicht gleich unser Online-Shop zusammen“, macht die Designerin deutlich. Ein „Glücks-Knaller“ ist für sie darum auch die Komplettausstattung der „Erste Liebe Bar“ in Hamburg, der auch die samtig weiche schwarze Porzellanlinie von 3punktf zu verdanken ist.

Ladengeschäft dank Corona

Die Pandemie schließlich erwies sich als Hebamme einer längst gehegten Idee, um sich noch präsenter zu machen. Die üblichen Vertriebswege des Keramikunternehmens brachen weg, Veranstaltungen, Märkte, die kulturelle Landpartie. „Wir müssen was machen, so gehen wir unter“, denkt Melanie Follmer. Schon länger liebäugelt sie mit der Idee eines Ladengeschäfts, weil sich das Team platzmäßig in der Bardowicker Werkstatt nicht so gut darstellen kann. Es ist an der Zeit. Im Mai, mitten im Lockdown, als alle Geschäfte dicht machen, wagt sie das Risiko und richtet ihr Geschäft in der Oberen Schrangenstraße ein. Ein bisschen unheimlich ist ihr das schon. Kein Mensch auf der Straße. Geht das gut? 

Mehr Leben im Alltäglichen

Geht es. Schon während des Krisenhöhepunktes bekommt sie erste positive Rückmeldungen und gewinnt nach der Eröffnung viele neue Kunden hinzu – Lüneburger und Touristen. Melanie Follmer verspürt bei ihnen eine große Sehnsucht nach Regionalität und Einfachheit, Nachhaltigkeit und etwas Greifbarem in diesem digitalen Leben. Weg von industriellen Ikea-Presstassen hin zu ein bisschen mehr Leben im Alltäglichen. „Geschirr muss heute nicht mehr so glatt und austauschbar sein. Unsere Sachen haben eben diese nicht perfekte Ästhetik, sind etwas krumm und schief, mit toller Haptik. Sie sprechen ganz anders mit einem“, erklärt sich die Keramikerin den Erfolg von 3punktf und den allgemeinen Trend hin zu Handgemachtem.

Ein Traumberuf

In der Bardowicker Werkstatt wird jedes Stück vom Tonklumpen bis zur Ladentheke gut 50 Mal in die Hand genommen. Zentrieren, aufbrechen, formen, abdrehen, verfeinern, glasieren, brennen – und immer wieder trocknen. Und auch wenn Melanie Follmer mittlerweile nicht mehr so viel an der Scheibe sitzen kann, oft mit Organisatorischem beschäftigt ist, oder im Laden steht, bleibt es ihr Traumberuf: „Diese totale Konzentration an der Scheibe, immer in der Mitte bleiben, das erdet.“ 

Teilnahme am verkaufsoffenen Sonntag

Anschauen können sich Interessierte die Keramikkunst auch während des verkaufsoffenen Sonntags am 8. November in der Oberen Schrangenstraße. Kurse gibt 3punktf übrigens auch. Und verzweifelten Anfängern sei gesagt, auch nach Jahren können Profikeramiker mal einen schlechten Tag haben und eine Leiche drehen. „Das ist auch immer ein bisschen Tagesform. Für eine große Schale braucht man einen guten Tag. Kommt zwischendurch ein blöder Anruf, ist es manchmal besser, so ein Projekt sein zu lassen. Aber Eierbecher, die gehen immer.“

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