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Kunst aus Holz

von Melanie Jepsen
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Glück ist keine Frage des Alters. Wenn Johann Schienbein mit den Händen über die Maserungen des Holzes fährt, leuchten seine Augen. Der Rohstoff Holz begleitet den Reppenstedter schon sein Leben lang. Geboren wurde Johann Schienbein 1932 in Galizien und verbrachte auch seine Kindheit dort, bevor er nach der Flucht 1945 in Lüneburg lebte und hier sesshaft wurde. „Die Schönheit des Holzes, liegt in seinem Kern“, sagt Johann Schienbein. Jedes Möbel, das er in den Jahren hergestellt hat, ist ein Unikat. Keines gleicht dem anderen. Das Haus von Johann Schienbein ist voller Erinnerungen. Sein Handwerk lernte der Tischler von der Pike auf. Er absolvierte in Lüneburg seine Lehre, studierte an der Fachschule für handwerkliche Gestaltung in Hildesheim. Damals entstanden seine ersten Arbeiten im Kunsthandwerk. 1958 machte er seinen Meister, arbeitete später im Lebensmittelhandel als Ladenbauer und spezialisierte sich auf die Einrichtung dieser Läden. Abseits seiner täglichen Arbeit, war immer auch eine gewisse Sehnsucht, eine Leidenschaft für kunsthandwerkliches Arbeiten. Die Begeisterung für das Filigrane, die ihn begleitete und in ihm ruhte.

Anderen eine Freude machen

1992 musste der Familienvater seinen Beruf wegen einer chronischen Bronchitis aufgeben. Damals war er 60 Jahre alt. Der Reppenstedter fiel in ein Loch, litt an Depressionen. Es war Zeit, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Johann Schienbein baute kurzerhand sein Gartenhaus in eine kleine Werkstatt um, kaufte Werkzeug und Maschinen und fing an, das zu tun, was ihn glücklich macht: Er schuf zeitlose Kunstwerke aus Holz. „Ich habe von den über 1000 Dingen, die ich über die Jahre hergestellt habe, nie etwas verkauft, nie Geld dafür genommen“, sagt Johann Schienbein. Im Gegenteil. Er möchte mit seinem Handwerk anderen Menschen eine Freude machen, ihnen Erinnerungen schenken. Holz, das sonst als Feuerholz verwendet oder weggeworfen worden wäre, verarbeitete der Reppenstedter zu Fußbänken, Stühlen, Hockern, Kassetten, Kreuzen, Schränken, Regalen und vielem mehr. Das Holz stammt aus der Umgebung, von Freunden, Bekannten und Nachbarn. Kein Stück landete bei Johann Schienbein auf dem Müll. Jeder Materialrest wurde wiederverwertet. „Morgens bis abends stand mein Mann in der Werkstatt“, sagt seine Frau Theresia.

Jedes Stück ein Unikat

Johann Schienbein faszinieren Bäume in ihrer Vielfältigkeit. Ob Birne, Pflaume, Apfel oder Akazie, jedes dieser Edelhölzer hat andere Maserungen, Farben, Pigmente, Strukturen und verleihen seinen Kunstwerken ihre individuelle Note. Welche Farbstoffe, welche Mineralien enthält der Baum? Wie ist das Zusammenspiel von Frucht und Holz? All das spielt eine Rolle bei der Wahl des Holzes, weiß er. „Pflaumenholz beispielsweise wird im Kern fast immer Dunkelrot sein. Es entstehen eindrucksvolle Farben, die man sich fast nicht erklären kann.“ Mindestens fünf bis sechs Jahre müsse ein Holz trocknen, bevor man es zu Möbelstücken wie diesen verarbeiten kann, erklärt der Kunsttischler. Das Kunsthandwerk, so sagt der heute 88-Jährige, sei durch Ästhetik geprägt. Das Verarbeiten sei eine Sache, das Entwerfen, Veredeln eine andere. So ergänzen sich handwerkliches Können und das Gefühl für Material, Ästhetik und Gestaltung auf unverwechselbare Weise. „Mich hat es immer glücklich gemacht, irgendetwas zu Ende zu bringen. Die Ideen kamen mir während der Arbeit. Man fängt etwas an und entwickelt es im Laufe des Arbeitsprozesses weiter, auch in Hinblick auf die Ausdrucksweise, Dekoration wie etwa die Intarsien.“ Diese leimte er auf und setzte sie möglichst passgenau zusammen. Besonders bei kleinen Details wie Augen sei Fingerfertigkeit gefragt, so Johann Schienbein: „Das ist handwerkliches Geschick, die Kunst es zu machen.“

Mit viel Geduld ans Ziel

Motiv und Funktion spielen in den Werken des Reppenstedters eine zentrale Rolle. Der Kunsttischler zeigt einen seiner kunstvoll hergestellten Schränke: „Die Funktion wird durch die passenden Motive zum Ausdruck gebracht.“ Gläser und Gefäße lassen auf den ersten Blick erkennen, dass es sich um einen Geschirrschrank handelt. Gleiches gilt für einen Schrank, den der Reppenstedter eigens für seine Frau zimmerte. Musikinstrumente zieren die Furniere. Ein anderer Schrank trägt das Motto „Friede auf Erden“ und bildet Kontinente der Erde ab. Hinzu kommen Pyramidenköpfe auf den Türen und Seitenecken seiner Objekte. Allein im Geschirrschrank stecken 580 Arbeitsstunden. Natürlich habe manches nicht auf Anhieb geklappt, blickt der Kunsttischler zurück. Dann hieß es ausprobieren und üben. Doch am Ende hat es sich immer gelohnt. Eine ganz besondere Furniergestaltung ist sein Penrose-Parkett in Anlehnung an den britischen Mathematiker und theoretischen Physiker Roger Penrose. Das Penrose-Parkett besteht aus zwei verschieden breiten Rauten mit gleichen Seitenlängen und unterschiedlichen Eckwinkeln. Die Rauten sind in verschiedene Muster zusammensetzbar. Monatelang schnitt der 88-Jährige diese kleinen Teile zurecht und setzte sie dann zusammen.

Der schönste Lohn ist andere zu berühren

Johann Schienbein möchte junge Menschen ermutigen, ihre Träume zu leben, das zu tun, was sie glücklich macht: „Daher sage ich immer, lasst die Kinder das werden, wozu sie Lust und Neigung haben. Alle Menschen haben Fähigkeiten. Man muss sie nur abrufen können oder erkennen, was in ihnen steckt und diese Fähigkeit fördern.“ Den Betrachter mit seinen Arbeiten zu berühren, ist für Johann Schienbein der schönste Lohn seiner Arbeit: „Es ist für mich ein wunderbares Gefühl. Das hat auch etwas mit Seele zu tun.“ Seine Baupläne, Modelle, Skizzen und Zeichnungen füllen ganze Ordner. Alles hat der Reppenstedter aufbewahrt. Wenn er in den Aufzeichnungen blättert, werden die Erinnerungen an seine Schaffenszeit lebendig. Heute kann er nicht mehr an der Werkbank stehen. Seine Gesundheit lässt es nicht zu. Was bleibt, sind die vielen schönen Momente, das Glück, das ihm seine Arbeiten bis heute schenken. „Ich möchte etwas hinterlassen, was bleibt“, meint der Kunsttischler. „Ohne den Rückhalt meiner Frau wäre das nicht möglich gewesen.“

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