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Mit leichtem Gepäck

von Melanie Jepsen
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Rund 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, nahe der Stadt Sidi Mokhtar, machten Forscher 2017 eine Entdeckung, die zu den größten des 21. Jahrhunderts zählen sollte. In Jebel Irhoud entdeckten sie 315 000 Jahre alte Überreste menschlicher Fossilien. Diese Überreste waren rund 100 000 Jahre älter als die bis dahin bekannten Funde des Homo sapiens. Die Entdeckung in Marokko wurde zu einer wissenschaftlichen Sensation. Eine abenteuerliche Reise zu den Ursprüngen der Menschheit begann, die sogar als Dokumentarfilm aufgegriffen wurde. Frank-Peter Schultz kommt ins Schwärmen, wenn er von archäologischen Funden wie dem am Berg Jebel Irhoud erzählt. Denn er war selbst dort. Mit dem Motorrad reiste er nach Marokko, um der Urgeschichte des afrikanischen Landes nachzuspüren. „Ich war wie elektrisiert. Ich dachte: ,Da musst du hin‘.“

Ausrüstung: Mit wenig Gepäck ist Frank-Peter Schultz unterwegs. Seine Trekking-Ausrüstung besteht aus: Luftmatraze, Kocher, Brotdose, Schlafsack, Seitenständer-Halterung, Erste-Hilfe-Set, Globuli, Trinkflasche, Handtuch, Powerbank, Heringe, Hausschuhe, Kartenmaterial, Navigationsgerät, Taschenlampe, Trillerpfeife, Schloss, Klebeband, Ballistol-Öl, Kaugummi, Besteck und Teller. Foto: nh/tonwert21.de

Der Pastor der evangelischen Kirchengemeinde St. Johannes der Täufer in Oldenstadt begeistert sich seit jeher für Begegnungen mit Menschen anderer Kulturen, das friedliche Zusammenleben der Religionen, ihre Anfänge und Traditionen. Als Beauftragter des Kirchenkreises Uelzen für den Konziliaren Prozess „Frieden, Bewahrung der Schöpfung und Gerechtigkeit“ und Kirche für Demokratie ­­und gegen Rechtsextremismus trage er eine Verantwortung, sagt Pastor Frank-Peter Schultz. Kirchengemeinden vor Ort in ihrer Flüchtlingshilfe zu unterstützen, ist ein großes Anliegen und wichtiger Teil seiner Studienreisen. Natürlich könne er auch mit dem Auto reisen, meint der Oldenstädter. Aber mit dem Motorrad sei er beweglicher. „Ich kann in Bereiche, Wege, Straßen hineinfahren oder parken, wo Autos nicht fahren können.“ Einheimische nehmen ihn ganz anders wahr. Die Leute seien offener, erzählen ihm eher etwas als anderen Touristen. „Es ist gleich von Anfang an eine andere Begegnung mit den Menschen. Ich will an die Leute ran.“ Gleichzeitig mache es ihm Spaß, wenn er mit dem Motorrad alleine in den Horizont hineinfährt und den Kopf frei bekomme, beschreibt der 64-Jährige diese Art zu reisen. Hinzu kommen aber auch praktische Vorteile: weniger Benzinverbrauch, eine günstigere Unterbringung auf der Fähre. Bereits als Jugendlicher rüstete er sein erstes Mofa auf und brachte es wieder zum Fahren. Diese Leidenschaft für Zweiräder begleitet ihn bis heute: „Ein bisschen Abenteuer spielt da auch eine Rolle. Zu schauen, wo einen der Wind hinführt.“

Ich finde es unheimlich schön an Orten zu sein, sie auf sich wirken zu lassen und vielleicht auch ein Gefühl von dem zu entwickeln, wie es den Menschen an genau dieser Stelle immer schon ging.
Frank-Peter Schultz, Pastor

Der Geschichte auf der Spur

Im Jahr 2013 fuhr der heute 64-Jährige mit dem Motorrad in die Türkei zum möglichen Fundort der Arche Noah. Dort, auf einer Bergflanke des Berges Ararat, dem mit 5165 Metern höchstem Berg der Türkei, sollen sich ihre Überreste in einer Gesteinsformation verbergen. Forscher suchten auf Satellitenbildern Beweise. Doch die Wissenschaft ist sich nicht einig. Fündig wurde der Oldenstädter letztlich auf seiner Reise zwar nicht, aber die Faszination für die Sintflutgeschichte blieb ungebrochen. Ein Jahr nach seiner Türkeireise brach er auf nach Rumänien. Dort hielt Frank-Peter Schultz in einem Museum die mehr als 5000 Jahre alten Tontafeln von Tataria in seinen Händen.

Besondere Begegnungen

2017 zog es den Familienvater erstmals nach Marokko. Dort besuchte Frank-Peter Schultz unter anderem ein Trappistenkloster und machte die Begegnung mit Prior Jean-Pierre Schumacher. Er ist der letzte Überlebende des Angriffs auf das algerische Kloster Notre-Dame de l‘Atlas in Tibhirine während des Bürgerkrieges 1996. Begegnungen wie die mit Jean-Pierre Schumacher seien ganz besondere, blickt der Pastor dankbar zurück. Auf seinen Studienreisen durch Marokko sucht der Oldenstädter auch Gemeinden wie die katholische Kirche „Paroisse Notre Dame des Victoires“ in der Stadt Tétouan oder die evangelische Kirche in der Stadt Fès auf.

Eindrücke und Erinnerungen

Der 64-Jährige taucht ein in die Geschichte des Landes. Das Geheimnis der Sprache, die Verschriftlichung. Die Frage der Menschwerdung aus religiöser Sicht. Das Judentum in Marokko. Naturwissenschaft und Glaube. Oder die Phönizier, die ab dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. zunehmend die Berberkulturen in Marokko prägten. All das sind Themen, die Frank-Peter Schultz bei seinen Recherchen und Reisen beschäftigen. Überwältigt zeigt sich der Pastor auch von seinem Besuch des jüdischen Museums in Casablanca. Dort sind zahlreiche Artefakte aus verschiedenen Orten Marokkos ausgestellt. „Das ist etwas, was man in seinem Leben gesehen haben muss,“ sagt er. Im Unesco-Geopark M‘Goun bestaunte der Oldenstädter 165 Millionen alte Dinosaurierspuren. Nicht weniger beeindruckend sei die uralte Töpferstadt Safi und das archäologische Museum von Rabat. Es sind viele Erinnerungen, von denen er zerrt. „Ich finde es unheimlich schön an Orten zu sein, sie auf sich wirken zu lassen und vielleicht auch ein Gefühl von dem zu entwickeln, wie es den Menschen an genau dieser Stelle immer schon ging.“

Dicht an den Menschen

Fünf Tage dauert die Anreise, fünf Tage die Heimfahrt. Unzählige Kilometer legt der Oldenstädter auf seinen Fahrten durch Marokko zurück. Die Route seiner Reisen kennt er in- und auswendig. Von Uelzen aus fährt er über den Harz nach Leipheim, seiner ersten Station. Dann geht es weiter nach Pavia in Italien. Auch dort spürt Frank-Peter Schultz der Geschichte nach. Pavia, so berichtet er, sei eine Station der europäischen Langobardenstraße. Diese Kulturroute zeichnet den Weg dieses elbgermanischen Stammes aus der Zeit der Völkerwanderung von der Lüneburger Heide bis nach Italien nach. Von Genua aus geht es schließlich mit der Fähre über Barcelona nach Tanger. Für Frank-Peter Schultz ist reisen so viel mehr, als nur ein Abenteuer: „Da, wo ich gerade bin, interessiere ich mich auch für die soziale Frage. Bei mir gehört das irgendwie alles zusammen.“

Begegnungen vor Ort

Viel Gepäck braucht er auf seinen Reisen nicht. Sein Trekking-Zubehör inklusive Erste-Hilfe-Set wiegt weniger als 20 Kilogramm. Hinzu kommen Dinge wie Zelt, Kleidung und Gastgeschenke. Frank-Peter Schultz zeltet auf Campingplätzen oder übernachtet bei Einheimischen, mit denen er auf der Fahrt durchs Land ins Gespräch gekommen ist. So lernte er in Marokko auch eine Großfamilie kennen, die ihn herzlich aufnahm. Auch sie möchte der Pastor bald wieder besuchen. Durch seine Begegnungen mit den Menschen vor Ort sind viele Freundschaften entstanden: „Ich habe da ganz tolle Leute getroffen.“

Einzigartiges Land

Der Oldenstädter hat noch lange nicht genug. Auf der Insel Mogador in der Nähe der Stadt Essaouira in Marokko möchte er den uralten Handelslinien durch das Land nachgehen, in der Wüste den offenen Blick und den Sternenhimmel genießen und irgendwann seine Erlebnisse in einem Buch niederschreiben. „Es ist erstaunlich, dass ich immer wieder etwas anderes herausfinde, als ich eigentlich wollte. Irgendwie verwebt sich das miteinander“, meint der Pastor. Im Mai, sofern es die Corona-Pandemie zulässt, schmeißt er wieder seinen Motor an und bricht auf, 2500 Kilometer Richtung Marokko. Die Farben, das Licht, die Menschen, ihre Religion und die vielen archäologischen Schätze machen für ihn das Land einzigartig. Frank-Peter Schultz möchte wieder ganz nah ran.

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