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Unterwegs zu sich selbst

von Ute Lühr
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Die Reise, die Astrid Münder vor einem halben Jahr antrat, war von langer Hand geplant. Und dennoch gegen Überraschungen nicht immun. Statt Abenteuer in fernen Ländern zu erleben, Exkursionen in unbekannte Städte zu unternehmen und sich verstärkt der Kultur zu widmen, beschränkte sie ihren Radius auf Ausflüge in die nähere Umgebung und den Aufenthalt in den eigenen vier Wänden. Ein negatives Fazit ihres ersehnten Sabbatjahrs zieht sie zur Halbzeit dennoch nicht. Ganz im Gegenteil. Bezeichnete das Sabbatical, wie das Arbeitszeitmodell auch hierzulande immer häufiger genannt wird, ursprünglich ein göttliches Gebot, welches in der Tora beschrieben wurde und sich auf einen bestimmten Zeitraum bezieht, in dem Sklaven freigelassen und Äcker brachliegen sollten, wird es heute gleichbedeutend mit einer kürzeren oder längeren Auszeit verwendet. Studenten oder Professoren, primär aber Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst können sich hierbei für eine bestimmte, vorab festgelegte Dauer vom Job freistellen lassen, um sich anderen Dingen intensiver widmen zu können. Das hatte auch Astrid Münder geplant.

Foto: nh/tonwert21.de

Sofort voll eingestiegen

„Eines meiner Vorhaben war eine Reise im Winter nach Kolumbien, wo meine Freundin lebt, auf deren Finca ich gut zwei Monate bleiben wollte“, sagt die 49-Jährige, „die fiel Corona zum Opfer.“ Genauso wie die Fahrt nach Georgien, ein Land, das physisch ihr noch völlig unbekannt, gefühlt aber ganz nahe ist, singt die passionierte Hobbymusikerin doch seit einiger Zeit unter anderem in einem georgischen Trio. Und streichen musste sie auch die vielen geplanten Kurztrips, die sie gemeinsam mit ihrer erkrankten Mutter unternehmen wollte, um intensiv Zeit miteinander zu verbringen. „Aber das geht natürlich auch anders“, sagt sie erleichtert. Zeit, das ist es, was Astrid Münder nun im Überfluss hat – zumindest für zwölf Monate. „Ich bin nach meinem Studium sofort voll in den Beruf eingestiegen“, blickt sie auf ihr vergangenes Arbeitsleben zurück, „war dann zehn Jahre an der Anne-Frank-Schule beschäftigt.“ 

Tipps von Kollegen

Die Kraft habe ihr dort zuletzt gefehlt und auch der Elan. „Ich wollte damals ganz raus.“ Der Tipp einer Kollegin habe sie im pädagogischen Betätigungsfeld gehalten, ihr eine neue Chance an der Oberschule am Wasserturm eröffnet. „Das war ein Glücksgriff“, sagt sie jetzt, „ging aber auch irgendwann auf die Kondition.“ Müde sei sie gewesen und abgeschlagen: „Ich brauchte eine Auszeit.“ Die hat sie sich genommen, einen formlosen Antrag dafür gestellt und auch mühelos die Genehmigung erhalten.
Im Sommer 2019 hat sie dann begonnen, bei voller Stundenzahl auf ein Drittel ihres Gehalts zu verzichten, wird dieses bis Sommer 2022 so weiterführen. Während des Sabbaticals erhält sie somit wie in den anderen beiden Jahren zwei Drittel ausbezahlt. „Das muss man sich natürlich leisten können“, sagt sie, „letztlich lässt sich das Prinzip aber auch auf einen wesentlich längeren Zeitraum ausdehnen.“

Verschiedene Modelle

Lohnmodelle gibt es viele. Auszeit-Ideen auch. Katrin Mohrdieck-Feddern hatte einen etwas anderen Ansatz, als sie 2010 ihr erstes von mittlerweile zwei „Freijahren“ – so die offizielle Bezeichnung, wie sie erklärt, – beantragt und im Sommer 2014 dann begonnen hat: „Ich bin Förderschullehrerin an der Schule am Knieberg“, erzählt sie, „und durch Zufall vor langer Zeit durch eine Frauenrunde an der Martin-Luther-Gemeinde in Kontakt zu einer Einrichtung für geistig Behinderte in Namibia gekommen.“ Die besuchte sie während einer Afrikareise im Jahr 2011, hielt Kontakt – und plante mehr. Drei Monate lebte sie im Frühjahr 2015 als Praktikantin während ihres Sabbaticals in Swakopmund, half den Pädagogen in der Arbeit mit den Mädchen und Jungen, gab Hilfestellungen und Tipps und fand dabei, wonach sie unbewusst gesucht hatte: Die Bestätigung, dass die Zusammenarbeit mit gerade diesen Kindern, egal wo auf dieser Welt, ihr Zuhause ist. Eine gute Erfahrung – wie auch die Reise nach Südafrika, die sie unternahm. „Meine Freundin ist Lehrerin in Nordrhein-Westfalen und dadurch immer an völlig andere Ferienzeiten gebunden“, sagt die 55-Jährige, „nur durch mein Freijahr hatten wir endlich die Gelegenheit, diese gemeinsame Tour zu machen.“ Pauschal, wie sie lachend ergänzt: „Das Gehirn gaben wir an der Garderobe ab.“

Foto: nh/tonwert21.de

Ich schlafe nicht lange, genieße es aber, nicht immer alles ganz schnell und unter Zeitdruck machen zu müssen. Das ist eben auch ein Gefühl von Glück.
Katrin Mohrdieck-Feddern

Fremde Länder erleben, das war einer der Kernpunkte ihrer ersten Auszeit, die sich aber auch schon damals einem Projekt widmete, das sie während ihres zweiten Sabbaticals noch weiter intensivierte: sozialem Engagement. So setzte sie sich schon damals vier Wochen lang in der Küche des CISVs, dem Children’s International Summer Camp, das Kinder- und Jugendbegegnungen organisiert, ein. Eine Arbeit, die sie auch während des zweiten Sabbaticals, das im Sommer 2019 begann, fortsetze. „Ich habe Mappen zusammengestellt, in denen die Arbeit des CISV vorgestellt wird, und diese in einem weiten Umkreis an die Schulen verteilt“, erklärt sie. Erfolg hatte die Aktion nicht, „aber auch das ist ja eine Erkenntnis“, sagt Katrin Mohrdieck-Feddern. Zudem ließ sie sich in den Kirchenvorstand der Martin-Luther-Gemeinde wählen und war weiterhin Mitglied in der Paulus-Kantorei. Bis dieses – wie so vieles – Corona zum Opfer fiel.

Keine Langeweile

Ihre Reise nach Namibia, „meiner zweiten Heimat“, konnte die Lehrerin gerade noch beenden, bevor im März der erste Lockdown kam. „Das war ein Glück“, sagt sie – ebenso wie der Zeitraum ihrer Auszeit: „Als ich im Sommer wieder an die Schule gekommen bin, waren ja alle bereits mit den Corona-Regeln vertraut, hatten die Vorgaben umgesetzt, sie auf die Arbeit mit den Kindern angepasst. Ich musste mich ja nur noch einfügen.“ Ein Vorteil, den auch Astrid Münder für sich erkennt: „Ständig ändern sich die Umstände, die Voraussetzungen, die Anforderungen an Schulen und Pädagogen. Ich stehe in permanenten Kontakt mit meinen Kollegen, kann dadurch zwar niemals ganz abschalten, habe aber auch dadurch erkannt: Ein besseres Jahr hätte ich mir gar nicht aussuchen können“ – auch wenn viel auf der Strecke geblieben ist, wie der Plan, sich intensiv um die Musik zu kümmern, an zahlreichen Workshops teilzunehmen. Langeweile hat sie dennoch nicht – und auch keinen Blues. „Die Tage füllen sich ganz schnell“, hat sie festgestellt. Arbeit im Garten oder im Haus, Yoga oder Fermentieren, Treffen mit einer Freundin oder Zeit für die Katzen. Und für sich selbst. „Das ist der pure Luxus“, sagt sie. Ruhe finden, für sich alleine sein, auftanken und Energie gewinnen, das ist ihr gelungen in ihrem ersten halben Sabbatjahr, in dem sie trotzdem früh aufsteht und den Tag mit Leben füllt. Ein Konzept, das auch Katrin Mohrdieck-Feddern verfolgt. „Ich schlafe nicht lange“, sagt sie, „genieße es aber, nicht immer alles ganz schnell und unter Zeitdruck machen zu müssen. Das ist eben auch ein Gefühl von Glück.“ Und das hat sie auch in Bezug auf ihre Familie: „Mein Mann hat mich in meinen Plänen und Vorhaben immer unterstützt, auch das ist ja nicht selbstverständlich.“ So steht er ihren ausländischen Kontakten offen gegenüber und ermutigt sie bei dem, was ihr wichtig ist: Die Reisen nach Afrika und damit auch ein Stückweit zu sich selbst.

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