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Die Sinnfluencerin

von Ute Lühr
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Das Leben ist bunt und vielfältig, und so ist auch Kristin Bogenschneiders Job, denn der beinhaltet alles, was das Dasein beinhaltet: Vom Anfang bis zum Ende – und alles zwischendrin. „Da ist kein Tag wie der andere“, sagt die 32-Jährige, „denn auch kein Mensch ist wie der andere.“ Danach hatte die junge Frau gesucht, als sie sich vor gut zwölf Jahren entschloss, Pastorin zu werden – und das hat sie auch gefunden. Eigentlich „würde ich so was nie machen wollen“, hatte sie nach dem Abitur gedacht, obwohl oder gerade weil sie bereits im Elternhaus mit der Religion in Kontakt kam, war ihr Vater doch längere Zeit im Kirchenvorstand in Tespe.

Ein Freiwilliges Diakonisches Jahr über die Evangelischen Freiwilligendienste in Hannover brachte schließlich die Wende: Zwölf Monate verbrachte Kristin Bogenschneider in einer evangelischen Gemeinde in Örebro, 200 Kilometer westlich von Stockholm. Am Ende ihres Aufenthalts titelte die lokale Zeitung: „Kristin will Pastorin werden.“ Der Schlagzeile blieb sie treu. „Der Aufenthalt in Schweden hat mich einfach sehr nachhaltig beeindruckt“, sagt die gebürtige Elbmarscherin, „ich habe mich viel mit dem Glauben auseinandergesetzt und hatte mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun – das in der Kombination hat mich erfüllt.“ So sehr, dass sie direkt nach ihrer Rückkehr ein Theologie-Studium anstrebte. „Eigentlich hätte ich das gerne in Skandinavien gemacht“, sagt sie, „aber dieDie Sinnfluencerin Ausbildung wird bei uns nicht in allen Bereichen anerkannt.“

Viel zu Lernen

Sie ging nach Kiel. Zumindest anfangs. Hebräisch fürs Alte Testament, Griechisch fürs Neue und Latein für die Kirchengeschichte: Die Disziplinen waren umfangreich und anspruchsvoll. Zudem standen Systematik, Dogmatik und Ethik auf dem Stundenplan, natürlich auch Soziologie. „Denn letztlich muss ich ja auch wissen, wie ich meine Mitglieder erreiche“, erklärt die Pastorin.

Seelsorge und Psychologie waren ebenso Thema wie Literaturwissenschaften und praktische Religionspädagogik. Nach ihrem Wechsel ins baden-württembergische Tübingen befasste sie sich dann auch mit anderen Glaubensrichtungen, darunter der Judaistik, der russisch- sowie griechisch-orthodoxen Kirche, Katholizismus und Islam. „Es ist einfach total spannend, zu was die Menschen sich bekennen, wie sie darauf gekommen sind, wer für sie Gott ist und was sie sich nach dem Tod vorstellen“, sagt sie.

Den Glauben überdenken

Ihren eigenen Glauben indes musste sie nach ihrem Abschluss neu überdenken: „Nach einem solchen wissenschaftlichen Studium steht man an Ende da und muss seine eigene Theologie finden“, sagt sie, „da wird der Glaube angefochten, da fragt man sich, was stimmt und was trägt mich und woran glaube ich eigentlich?“

Das anschließende Vikariat gab ihr Sicherheit. Und Bestätigung. Dafür, was sie macht und wohin sie will. Um in der Nähe ihres Lebenspartners zu bleiben, bewarb sie sich bei der Nordkirche und landete schließlich in einem kleinen Dorf nahe St. Peter-Ording. „Da gab es hundert Menschen und zweihundert Schafe“, erinnert sie sich und lacht. Gelernt hat sie dort das Handwerkliche, was der Beruf erfordert, und die vielfältigen Möglichkeiten, ihre Sicht der Dinge zu vermitteln: „Denn eins ist am Evangelium speziell“, erklärt sie, „und das ist eine große Vielfalt der Auslegung – die aber nicht in Beliebigkeit umschlagen darf.“

Taufengel: Die plastisch aus Holz gestaltete Figur trägt die zinnerne Taufschale. Diese ist seit 1646 in Gebrauch. Der Nahrendorfer Engel stammt aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert oder beginnenden 18. Jahrhundert. Mittelschiff Die Nahrendorfer Orgel stammt von 1877. Sie ist heute jedoch nicht mehr in Betrieb, da der Boden der Empore abgesackt ist. Foto: tonwert21.de

Pastorin auf Probe

Auch am Ende des Vikariats stand eine Prüfung, die sie endlich zur Pastorin machte – auf Probezeit. Denn beendet ist die Ausbildung erst nach einer dreijährigen Anstellung im Beruf. Und die absolviert die 32-Jährige seit 2018 in Nahrendorf, zwischen Wald und Fluss, mit einer historischen Fachwerkkirche gleich neben dem Pfarrhaus. In dem wohnt sie, das ist Vorschrift. Platz hat sie im Überfluss, mehr als sie benötigt, Gemeindemitglieder nicht unbedingt – doch Arbeit hat sie auch so genug.

„Einen Großteil meines Tages verbringe ich im Auto“, sagt Kristin Bogenschneider und lacht wieder ihr sympathisches Lachen, „besuche die älteren Menschen, die Geburtstag haben oder Jubiläen feiern, oder die jüngeren, die eine Taufe oder eine Hochzeit besprechen wollen, oder aber jene, die einen geliebten Menschen verloren haben und ein Trauergespräch brauchen.“ Und Halt. Und Zuspruch. Und jemanden, der ihnen zuhört, wenn sie aus dem Leben berichten, das nun ein Ende gefunden hat. „Natürlich ist das nicht immer leicht“, sagt Kristin Bogenschneider, „aber letztlich wird auch bei solchen Begegnungen auch häufig gelacht – wenn sich die Angehörigen an die Anekdoten aus der Vergangenheit erinnern, an die vielen mitunter lustigen Momente, die sie gemeinsam erleben durften.“

Menschen hautnah

Der Kontakt zueinander ist besonders auf dem Lande intensiv – doch nicht nur das liebt sie am Leben fernab der Metropolen: „Hier sind die Menschen extrem eng miteinander vernetzt, hier spielen die Vereine, mit allem, was sie zu bieten haben, eine große Rolle, hier ist die Solidarität untereinander enorm groß und auch das Engagement füreinander – und für die Kirche.“

Viel kommt zurück, sagt Kristin Bogenschneider, viel kommt aber auch nahe: „Einer meiner Schwerpunkte ist die Notfallseelsorge, und gerade da erlebe ich auch sehr harte Momente.“ Zum Beispiel der, bei dem ein junger Feuerwehrmann gestorben ist, die Kameraden die Pastorin um Begleitung baten. „Das ist natürlich dann für mich ein großer Vertrauensbeweis“, sagt sie, „aber eben auch eine Belastung.“ Der sie durch kleine Maßnahmen begegnet: „Ich hänge abends alles in einen Baum, bildlich gesprochen, und am nächsten Tag verblassen die Dinge dann ein wenig. Aber ich bete auch viel, gehe spazieren und sage mir auch, dass ich einfach nicht alles verstehen muss, ich nicht alles erklären muss, dass vieles bei Gott gut aufgehoben ist.“

24 Stunden am Tag im Einsatz

Zudem hat sie auch gelernt, mit den traurigen Momenten umzugehen, hat dazu während ihres Studiums ein sechswöchiges Praktikum beim Militär gemacht. „Darüber hinaus sprechen wir aber im Kollegenkreis miteinander oder nehmen die Supervision in Anspruch. Hilfe ist überall, dazu haben auch wir eine Gemeinschaft.“
Eine Gemeinschaft hat sie aber ebenso in Nahrendorf gefunden, auf dem Land zwischen den vielen Menschen mit den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Hintergründen: „Da ist alles dabei“, sagt die Pastorin, „und das ist auch gut so.“ Und reizvoll. Aber dennoch nicht unbedingt das Ziel der Reise. „Ich bin hier 24 Stunden am Tag, die ganze Woche – also rund um die Uhr – für meine Gemeinde ansprechbar, auch nachts und natürlich am Wochenende. Und das ist auch ok“, sagt sie.

Die Arbeitszeiten sind flexibel, viel ließe sich auch von zu Hause aus erledigen. Und das gefällt ihr. „Dennoch werde ich noch entscheiden müssen, wohin die Reise geht.“ Nach rund zehn Jahren wechsle ein Pastor seine Gemeinde, sagt die junge Frau, und das schwirrt auch ihr im Kopf herum. „Natürlich kann man die Früchte seiner Arbeit dann nicht ernten, aber letztlich trägt jeder den Aufbruch im Herzen, zu gehen ist eben beides, schmerzhaft und bitter, aber gleichzeitig auch eine neue Chance. Das ist Teil der biblischen Geschichte: Alles bewegt sich zwischen Unterwegs sein und Ankommen.“

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