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Medium Sprühdose

von Melanie Jepsen
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Urbane Kunst findet sich vielerorts. Was für die einen Schmierereien sind, ist für die anderen Kunst, die den öffentlichen Raum belebt. Nicht nur bekannte Künstler wie Banksy sorgen mit ihren Werken für Aufsehen. Die weltweite Künstlerszene ist so vielfältig wie ihre Werke selbst. Vergänglich, unerwartet, auffallend. Täuschend echte Motive ziehen den Blick der Passanten auf sich, finden sich an Bushaltestellen, Fassaden, Stromkästen, Wänden. Bilder im öffentlichen Raum polarisieren. Auch in Lüneburg wandeln bunte Fantasiewesen durch die Straßen, klettern riesige Insekten über Stromkästen. Wer mit offenen Augen durch die Stadt läuft, kann viel entdecken. Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Wir haben vier Graffitikünstler gesprochen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und Stadt und Landkreis bunter machen.

Foto:©Dosenfutter_Lüneburg_MalteSchmid

Wer in Lüneburg nach Kunst im öffentlichen Raum sucht, kommt an dem Namen Dosenfutter nicht vorbei. Seit 1999 ist das Kollektiv aktiv. Mehr als 1000 Graffiti-Aufträge hat das Team um Jonathan Sachau seitdem übernommen. Für die Hansestadt Lüneburg gestalteten sie zahlreiche Stromkästen im Stadtgebiet. Mittlerweile haben gut 200 Kästen ein neues Gesicht bekommen. Ob Lüneburgs Salz-Sau, ein knallig pinker Gummi-Flamingo, Musikinstrumente oder ein Verteilerkasten, der sich in eine Kamera verwandelt – die fotorealistischen Motive an Wänden und Fassaden lassen Spaziergänger staunen. In Bad Segeberg hat für Jonathan Sachau damals alles angefangen. Ende der 90er-Jahre entdeckte er die Leidenschaft für Graffiti. Da war er 13 Jahre alt. In Bad Segeberg habe es große, legale Flächen gegeben, sagt der heute 36-Jährige. Dort schaute er sich das Sprayen bei den Großen ab, saugte alle Eindrücke in sich auf. „Es war der klassische Weg über die Hip-Hop-Graffiti-Szene.“ Mit Schriftzügen fing er an, begann dann relativ schnell Motive wie Landschaften oder Figuren abzumalen – weg vom klassischem Graffiti. Ihn reizen große Flächen, einfarbig hell gestrichen. „Dort, wo man weiß, dass der erste Sprühstoß schon einen Effekt hat“, meint er.

Lokale Spraykultur geprägt
von Jens Flechtner

Jonathan Sachau studierte Kunst auf Lehramt. Schon während seines Studiums führte er erste Auftragsarbeiten aus. Der Lüneburger Künstler Jens Flechtner, mit dem er in den Jahren viel zusammen malte, habe ihm einiges beigebracht, blickt Jonathan Sachau dankbar an diese Zeit zurück. Jens Flechtner, der unter dem Künstlernamen „Trica186“ bekannt wurde, hat die lokale Spraykultur geprägt und sich auch für die Legalisierung des Bemalens von freien Flächen eingesetzt. 2012 starb der Lüneburger mit nur 41 Jahren. Ein Jahr danach machte sich Jonathan Sachau mit „Dosenfutter“ selbstständig. Heute ist seine Firma zu einem Team gewachsen, das in ganz Norddeutschland kreative Motive auf Wände und Fassaden bringt. „Aus dem Teamzusammenspiel entstehen eigentlich ganz coole Sachen“, freut sich der 36-Jährige. Die Aufträge sind ganz unterschiedlich. Den Rennwagen an der Kinderzimmerwand bediene „Dosenfutter“ genauso wie überdimensionale Werbung an Firmenfassaden. „Ich bin glücklich mit meinen Job, weil es gleichzeitig mein Hobby ist“, sagt Jonathan Sachau. Durch den direkten Austausch mit Passanten, entstehe immer wieder ein positives Gefühl bei der Arbeit.

Björn Lindner an einem seiner Werke: Der überlebensgroße Gorilla prangt an der Außenwand des Lüneburger Combat Centers in der Goseburg. Foto: tonwert21.de

Für den Lüneburger Graffitikünstler Björn Lindner, der auch für „Dosenfutter“ sprayt, spielte Graffiti schon früh eine große Rolle. „Irgendwann mit 16, als in Deutschland die zweite Graffitiwelle anfing, kam ich über ältere Freunde dazu“, erinnert sich der Lüneburger. Er probierte sich aus und blieb dabei. „Immer wenn ich etwas gut fand, habe ich es Stück für Stück weiterentwickelt“, sagt Björn Lindner. So war es auch bei der Begegnung mit Graffiti. „Damals gehörte Graffiti zur Hip-Hop-Kultur dazu.“ In den 90ern habe es zwar schon figürliche Graffitidarstellungen gegeben, Hauptmerkmal sei aber Schrift gewesen, blickt er auf die Anfänge zurück. „Man hat sich irgendwelche Buchstaben zu Namen zusammengeformt und damit gespielt.“ Vieles hat sich Björn Lindner selbst beigebracht. „Das war alles ein großes Abenteuer. Es war einfach eine Szene und Kultur, die in sich geschlossen war.“ Mit 16 habe man noch nicht das finanzielle Budget gehabt, sagt er. Auch die Materialauswahl sei eine andere gewesen. „Ich habe einfach das rausgeholt, was ging.“ Der Grafikdesigner und Inhaber der Agentur „Lackspuren Design“ ist fasziniert vom Spiel mit Buchstaben und Schriftarten: „Die Sprühdose war für mich am interessantesten, weil man relativ schnell große Wände bemalen konnte. Das war mit Pinsel und Rolle zwar auch möglich, allerdings mit einem viel höherem Aufwand. Gerade das Mischen der Farbe fiel weg.“ Björn Lindner liebt die Herausforderung, ein Motiv vom Papier auf eine große Fläche zu übertragen. „Es ist eine andere Herangehensweise. Du musst ganz anders planen“, weiß er. Das ganz kleine Feine, Technische, das man auf einer kleinen Fläche braucht, verschwimme auf einer großen Fläche für das Auge irgendwann. Die Kunst liege darin, einen Tick weit gröber zu malen, damit das Motiv am Ende aus 30 Meter Entfernung noch wirkt. Das Schwierigste seien die Proportionen. Der Lüneburger Künstler hat seinen ganz eigenen Stil gefunden: „Durch die Mischung aus meinen Grafikelementen, dem Realistischen und dem dreckigen Graffiti kann ich so spielen, dass die Figuren jedes Mal so aussehen, wie ich sie gerne haben möchte. In den ersten 20 Jahren war ich selbst mein größter Kritiker. Ich persönlich sehe bei mir eher die Fehler, statt die Sachen, die gut sind.“

Kommunikation
durch Farbe

Durch seine Arbeit hat der 42-Jährige vieles gesehen, neue Kontakte geknüpft, Input bekommen und gegeben. Im Jahr 2012 reiste er für die deutsche Botschaft nach Kirgistan. Gemeinsam mit zwei Franzosen und Einheimischen malte Björn Lindner dort großflächige Bilder. Zwei Jahre später flog er wieder hin und war beeindruckt, was sich verändert hat: „Es gab mittlerweile eine kleine Graffiti-Szene. Es war schön zu sehen, dass dort etwas entstanden ist, was bis heute weitergeführt wird.“ Eine spannende Erfahrung, die er ohne Graffiti vielleicht so nicht gemacht hätte, meint der Lüneburger.

Gerade bei größeren Projekten sei es wichtig, dass man Erfahrungen sammelt, die man weitergeben kann. Jeder beherrsche auf seinem Gebiet andere Dinge. Mittlerweile sei es mehr die Vielfalt, die sich die Leute bei Auftragsarbeiten wünschen, meint Björn Lindner. „Die Leute merken, dass das Medium Sprühdose vielmehr möglich macht. Man kann in relativ kurzer Zeit die Dinge umsetzen.“

Tierwelt als Inspiration

Für seine eigenen Motive lässt sich der Graffitikünstler von der Tierwelt inspirieren. Sie biete so viele Motive und Möglichkeiten, sagt er. Egal, ob Raubtiere, Vögel, Fische, jeder Bereich für sich sei ein großes Gebiet. „Vor allem in der Vogelwelt hat man so viele verschiedene Facetten, Farbmuster, Gefiederarten, Oberflächen, Texturen, die immer wieder neue Herausforderungen bieten.“ Die Akzeptanz für Graffiti sei mittlerweile eine andere, beobachtet Björn Lindner. Heutzutage werde es interessanter und hipper, Graffiti in die Städte zu holen und Graffitikünstler zu buchen. „Es werden viel mehr Flächen im öffentlichen Raum bemalt, die bleiben.“

„Graffiti ist eine gute Einstiegskunst für Jugendliche“, sagt der Lüneburger Künstler André Haferkorn alias DAN. Auf freigegebenen Flächen können sie sich legal in Farben und Schwüngen ausprobieren. André Haferkorn lebt in einem Bauwagen am Rande des Stadtzentrums. Gerade baut er einen Bauwagen zu einem Atelierwagen für seine Arbeiten um. Der 41-Jährige hat sich auf fotorealistische Wandbilder spezialisiert. Erst kürzlich hat André Haferkorn die Teufelsbrücke an die Wand eines Treppenaufgangs am Lüneburger Bahnhof gebracht. Viele Ecken und Wände hat der freischaffende Auftragskünstler in den vergangenen Jahren gestaltet und sie zu einem Blickfang gemacht. Auf ein Garagentor zauberte er ein Lüneburg-Panorama, bemalte den Bauwagen des örtlichen Waldkindergartens oder die Schlieffen-Kaserne, die kurz vor dem Abriss für alle zum Bemalen freigegeben wurde.

Die eigenen
Fähigkeiten erkennen

Unter dem Namen „natural-skillz“ bringt André Haferkorn Farbe an die Wand. Der Name, so sagt er, stehe für die natürlichen Fähigkeiten, die in jedem von uns stecken. In seinen Werken verschmelzen verschiedene Kunstformen und Fähigkeiten aus den Bereichen Graffiti, Wandgestaltung und Schwarzlicht-Malerei. „Ich habe eigentlich schon mein Leben lang gemalt“, sagt der Lüneburger.

Zu Graffiti kam er über einen Mitschüler während seiner Internatszeit in Plön. Später übernahm er in Hamburg viele Auftragsarbeiten. So entstanden unter anderem für internationale Festivals und zahlreiche Club-Events großformatige Bilder auf mobilen Leinwänden, bei denen André Haferkorn fluoreszierende und teils phosphoreszierende Farben verwendete. Diese Farben leuchten im Dunkeln und erzielen eine ganz besondere optische Wirkung. Bilder müssen für ihn eine gewisse Lockerheit ausstrahlen, meint der Künstler.

Der Vorher-Nachher-Effekt

André Haferkorn liebt es, unterschiedliche Welten zu erschaffen. Er spielt mit Perspektiven. Winkel, Ecken, alles wird miteinbezogen „Ich bin sehr perspektivisch, aber auch fotorealistisch unterwegs.“ Insbesondere bei Auftragsarbeiten sei es die Kunst, dem Auftraggeber von den Lippen abzulesen, was er sich wünscht, sagt der 41-Jährige. Leinwände, Fassaden, Ruinen – fast jedes Format hat er bereits bemalt. Ihn reizt der Vorher-Nachher-Effekt.

Die Motive verändern sich, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Viele Inspirationen bringt André Haferkorn von seinen Reisen nach Portugal mit. Dort an der Algarve gibt es viele Orte, die er in seinen Bildern aufgreift. Der Autodidakt probiert mit Begeisterung immer wieder neue Techniken aus, liebt die Abwechslung. „Ich möchte nicht mit anderen in den Vergleich gehen, sondern bei mir und meinem Stil bleiben. Diese Lockerheit auf das Leben anzuwenden, ist mir wichtig.“

André Haferkorn hat den Platz am Sande auf einen Treppenaufgang am Lüneburger Bahnhof gebracht. Foto: nh/tonwert21.de
Simon Hirmer bringt Jugendlichen das Thema Graffiti näher. Seit seiner Jugend begeistert er sich fürs Sprayen. Heute bertreibt er ein eigenes Geschäft für Graffitibedarf. Foto: nh/tonwert21.de

Workshops für Jugendliche

Für die Kunst aus der Dose brennt auch Simon Hirmer (34). Gezeichnet habe er schon immer gerne, sagt der Lüneburger. Als Jugendlicher probierte er sich erstmals in Graffiti aus. „Es dauert ein Weile, bis man gut ist“, weiß er aus Erfahrung. Heute ist er selbstständig, bietet in seinem Geschäft „Aeroholix“ Graffitibedarf an, gestaltet als Auftragskünstler Wände und Fassaden und gibt Jugendlichen in Workshops, unter anderem in Jugendzentren, Museen und am Schulzentrumen Oedeme, sein Wissen und die Begeisterung für Graffiti weiter. Simon Hirmer vermittelt dem Nachwuchs die Basics und lässt sie ausprobieren. Auf dem Programm stehen dabei Grundlagen, Techniken, Übungen mit der Sprühdose und Sketchen für ein gemeinsames Werk. Im Gegensatz zur Kunst auf dem Papier, ließen sich durch Graffiti viele Effekte erzielen, insbesondere auf großformatigen Flächen, sagt Simon Hirmer. Wer eine große Fläche bemalt, müsse zuerst die Fläche einteilen, erklärt der Grafiker. „Es ist wichtig, Orientierungspunkte zu schaffen und sich vom Groben zum Feinen vorzuarbeiten.“ Flächige Dinge kommen zuerst und die Outlines, also Umrandungen und Details, kommen dann zum Schluss. Er rät Anfängern: „Man sollte einfach und nicht zu kompliziert anfangen. Es ergibt sich.“ Für ihn selbst bedeutet das Sprayen in gewisser Weise auch, von der Hektik des Alltags abzuschalten, sich in ein Bild zu vertiefen. Alles andere um sich herum zu vergessen. Kurzum: Urlaub für den Kopf. Graffiti ist für Simon Hirmer mehr als nur ein Job. „Am Ende des Tages weiß man, was man geschafft hat“, bringt er es auf den Punkt.

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