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Salbe für die Ohren

von Hans-Martin Koch
Erschienen: Zuletzt aktualisiert:

Mike hat Rumkugeln mitgebracht, Timo Früchtetee gekocht und jetzt gibt‘s Sülze, Neue Sülze. Die hat nichts mit der Straße zwischen Rathaus und Lamberti zu tun und nichts mit dem gepökelten Schwein in Aspik. Timo und Mike reden „Neue Sülze“, so nennen sie ihre Sendung auf Radio ZuSa. Alle 14 Tage köddern, flachsen, blödeln, spotten, ätzen Timmo (auf ZuSa mit zwei „m“!) und Mike. Manchmal, aber nur manchmal ist es den Podcastern auch ernst. „Wir haben eine Haltung“, sagt Timmo La Bouche, so sein voller Künstlername. La Bouche auf Deutsch: Mund, Maul, Pistolenmündung.

Die „Neue Sülze“ liegt voll im Trend. Podcasts schießen wie Pilze aus dem Boden, das gesprochene Wort jenseits der Bilder zieht mächtig. So richtig populär wurde das Format durch Corona: Der zeitweise tägliche Podcast des NDR mit dem Virologen Christian Drosten erreicht Millionen. Fast schon als Klassiker läuft „Fest & Flauschig“ mit Olli Schulz und Jan Böhmermann, die sich auf Spotify über Gott und die Welt auslassen. Vergleichen ist doof, aber wer das feste Flauschige mag, dem könnte die Neue Sülze nach Hausmacherart schmecken.

Frei mäanderndes Sprechen

Timo Elliger, so sein Klarname, hat schon in Hamburg Radio gemacht. Er zog nach Lüneburg, lebt in der Altstadt, hängte ein „Wiesn Gaudi“-Lebkuchenherz an die Küchenwand und nahm Kontakt zu Radio ZuSa auf. Am 18. Oktober 2018 tischte er die „Neue Sülze“ zum ersten Mal auf, im Duo mit Don Tizzoo, der natürlich anders heißt. Versprochen wurde „Salbe für die Ohren“. Das Konzept: frei mäanderndes Sprechen über vorgegebene Themen. Ernstes und Albernes wechseln. Sie entschwurbeln Verschwörungserzählungen, wundern sich über Getränkeunfälle und begehen den Tag der spontanen Nettigkeit. „Den Tag der Kokosnuss haben wir auch abgefeiert“, sagt Timo alias Timmo. Dazu gibt‘s Musik, so füllen sich schnell zwei Stunden, jeden zweiten Mittwoch ab 21 Uhr.

Mike Witschi kam im August 2020 hinzu, stieg beim Thema „Arsch voll Ratgeber“ ein. Das sülzende Duo Timo/Mike kennt sich schon lange. Sie machen Musik bei Naomi Sample, so eine Art Elektropoplärm-Band für Menschen, die noch den Commodore 64 kennen und den Gameboy als Musikinstrument einsetzen. Naomi Sample sei ein Spaßprojekt mit abnehmender Frequenz – „ein Album nehmen wir aber noch auf“, sagt Mike. Er ist 46, macht sonst was mit Jugendarbeit. Timo, der was Soziales macht, ist 37.

Zusammen haben sie gerade eine Liste für ihre Neue Sülze erstellt, „eine Inventur mit Themen für die nächsten 2000 Sendungen“, sagt Mike. Ein Kernthema geben sie also vor. Gerade redeten sie über „verkackte Worte – Schimpfwörter, die der Duden uns vorenthält“. Es ist zu befürchten bzw. zu mutmaßen, dass ihnen einiges eingefallen ist. Und am 17. März? Timo muss in sein Büro schauen, also in sein mobiles Endgerät. „Armageddon – Vorbereitungen für den Weltuntergang“. Oha. „Warum nicht“, sagt Mike und es ist nicht klar, ob er das Thema meint oder die Sache. Tim(m)o: „Wir schmeißen uns wieder Stichworte zu, alles andere entsteht aus dem Moment heraus.“ Struktur in die Sendung bringen die Musikeinlagen und Rubriken: Geräusche- raten etwa oder „Der Fips der Woche“, was auf den 2020 gestorbenen Witzereißer Fips Asmussen verweist.

Drei Fragen zwischendurch

Wart Ihr Klassenclowns? „Ja. – Ja, vor allem im Studium.“
Worüber lacht Ihr? „Über alles. – Vor allem über Studio Braun. – Und sowieso über uns selbst.“
Hört Ihr Podcasts? „Mind the Tech – True Crime aus dem Internet“ – „Neues aus der Opiumhölle“

Zu Radio ZuSas Neuer Sülze laden sie gern Gäste. MusikerInnen wie Miss Allie und Henning Basse kamen ins Studio. Zugeschaltet haben sich außerdem eine Lachyoga-Lehrerin und Promis wie Oliver Kalkofe, Gregor Gysi, Andreas Dorau und Yared Dibaba. Spätestens dann wird nicht nur Quatsch gequatscht. Der Kompromiss: „Wir versuchen, wann immer es passt, ernste Themen in Entertainment zu verpacken“, sagt Mike.

„Neue Sülze“ gibt es auch live im Radio. Zuhörer*innen können in der Sendung anrufen, das passiert zunehmend oft. „Einer ruft jedes Mal an und legt gleich wieder auf“, sagt Mike und fügt hinzu: „Einen Hörer haben wir also sicher. Solange der anruft, machen wir weiter.“

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