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Bis ins Detail

von Ute Lühr
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Barock, Klassizismus, Rokoko und Romantik: Was für die meisten leere Schlagwörter aus dem Kunstunterricht sind, sind für Nina Bargheer der Inbegriff für Fantasie, Mystik, Melancholie. Und Ästhetik. Und die will sie leben. Mit Freunden, auf Partys, aber insbesondere beim alljährlichen Wave-Gothik-Treffen in Leipzig, zu dem sich tausende Anhänger der schwarzen Szene zu Pfingsten zusammenfinden, kann sie zeigen, wer sie ist – charakterstark und individuell. Das spiegelt sich auch in ihrer Kleidung wider. Die schneidert sie selbst. Etwas anders als die anderen sei sie immer schon gewesen, sagt die heute 44-Jährige: „Das begann eigentlich schon im Kindergarten, als die Erzieherinnen meine Eltern fragten, was mit mir los sei, da ich Monster als meine Lieblingstiere bezeichnete.“ Das morbide Thema, das zieht sich seitdem wie ein roter Faden durch ihr Leben. Horrorfilme hat sie schon immer gerne gesehen: „Das habe ich wohl von meiner finnischen Oma geerbt.“

Der Hang zur dunklen Seite

Von der hat sie auch die ersten Schritte an der Nähmaschine gelernt. Und das kam ihr später noch zugute. „Ich hatte immer schon einen Hang zur dunklen Seite, aber eben auch zur Romantik“, sagt die gebürtige Hamburgerin, die mit 18 Jahren erstmals in direkten Kontakt mit der Szene kam: „Ein Freund hatte mich damals mit in eine Diskothek genommen, in der die Frauen diese fantastischen Kleider aus der damaligen Zeit trugen. Das wollte ich auch.“
Antrieb hatte sie genug, Geld aber wenig, deshalb schneiderte sie sich ihre ersten Stücke aus gebrauchten Textilien, die sie auf dem Flohmarkt fand: Aus einer Rüschenbluse und einem Rock wurde so die erste Robe – der Startschuss für mittlerweile an die 80 Exemplare. „Ich habe meine Technik im Laufe der Jahre immer weiter perfektioniert“, sagt Nina Bargheer, „ohne dabei allerdings den Anspruch zu haben, Profi zu sein.“ Verkaufen würde sie die Kleider deshalb auch nicht, und so hängen sie in den Schränken und warten auf ihren Einsatz.

Wave-Gothik-Treffen

Der bietet sich selten, wenn, dann aber gewaltig und intensiv: Einmal pro Jahr fährt die Wahl-Lüneburgerin nach Leipzig, besucht dort das Wave-Gothik-Treffen, kurz WGT. Mit dabei ist auch Freundin Corinna Wölper, mit der sie schon als Jugendliche gemeinsam in die Metal-Welt eintauchte: „Wir kennen uns schon aus der Sandkiste“, erzählt die ausgebildete Tanztherapeutin, „und teilen die Leidenschaft für die Szene.“ Und die ist so vielschichtig wie ihre Anhänger. Vier Tage dauert das seit 1992 ausgerichtete Musik- und Kulturfestival, das alljährlich zu Pfingsten im sächsischen Leipzig stattfindet. Filmvorführungen, Club-Partys, Autorenlesungen, Ausstellungen, Rollenspiele, Kirchenkonzerte, Mittelaltermärkte und Workshops prägen das umfangreiche Programm, das so vielfältig ist wie das Publikum, das das komplette Spektrum der Schwarzen Szene von Goths über Elektro- und Neofolk-Anhängern bis hin zu Punks, Metallern und Angehörigen derCyberkultur, Mittelalter- oder Steampunk- und Visual-Kei-Szene umfasst.

Die Kostüme spiegeln die Zeit wider und damit auch das Leben.
Nina Bargheer

„Das Festival ist der Höhepunkt unseres Jahres“, sagt Nina Bargheer, und will gut vorbereitet sein: Mit großen Koffern und insgesamt acht Kleidern sowie einer Auswahl an Haarschmuck reisen die beiden Frauen dann in den Osten, tragen abends zum Tanzen schlichtere und praktischere schwarze Outfits, am Tag aber die ganz aufwendig geschneiderten und mit unzähligen filigranen Details verzierten Stücke. Tagelang sitzen sie dafür an ihren Nähmaschinen, um das passende Schnittmuster mit dem perfekten Stoff zu kombinieren. Aus anfänglichem Interesse ist ein gelebtes Hobby, aus der Leidenschaft mittlerweile eine Passion geworden. „Meist sind es Serien, Filme oder Bücher, die uns die Anregungen geben“, erklärt die 44-Jährige, die sich intensiv mit der Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Mode der alten Zeiten befasst. „Gefährliche Liebschaften“ sei einer der ersten Anstöße gewesen: Die Kleider im Streifen hätten sie damals derart inspiriert, dass sie ihre erste Robe im Rokoko-Stil schneiderte. „Sechs Capris habe ich damals gegessen“, erinnert sie sich, „um dann aus den Eisstäbchen die Korsage zu basteln.“

Inspirierende Geschichte 

Das Ergebnis war mehr als zufriedenstellend und gab Anlass für weitere Experimente: Mittlerweile die Ausbildung als Tanzpädagogin abgeschlossen, schneiderte sie fortan auch die Kostüme für ihre Ballettschüler selbst, wagte sich dann an professionelle Schnittmuster für viktorianische Kleider: „Die kamen aber meist aus England und waren teilweise falsch übersetzt.“ Deshalb entwirft sie heute ihre eigenen Vorlagen, hält sich dabei immer eng am Original. „Ich mag die Mode aus der Zeit Eduards VII., aber auch Ludwig XIV.“, sagt sie, lässt sich aber grundsätzlich von der Geschichte inspirieren: „Die Kostüme spiegeln die Zeit wider und damit auch das Leben.“ Ihr eigenes spielt sich seit vielen Jahren in Lüneburg ab: „Irgendwann ist mir der Lärm in Hamburg einfach zu viel geworden“, sagt sie, „und diese kleine Stadt mit ihren alten Häusern, die zu flüstern scheinen, hat ja auch so viel Geschichte.“ Ihre eigene hat sie ständig um sich: Ein Teil der Kleider hängt in ihrem Haus, der andere in ihrem Ballettstudio, in dem sie ihren Schülerinnen und Schülern vermittelt, was sie selbst seit ihrer Jugend fasziniert: Romantik, Mystik und Fantasie.

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