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Familiengedöns

von Julia Drewes
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Eine Primel leuchtet pink von dem Foto, das Kerstin Stamer am 8. März auf ihrem Instagram-Kanal teilt. Dahinter, in der Unschärfe, steht die Bloggerin persönlich. Den Mittelfinger in Richtung Kamera gestreckt. „Der Weltfrauentag ist kein Tag fürs ,Danke sagen‘ der Männer, schon gar nicht mit Blumen“, erklärt die Mutter zweier Töchter den Post. „Auch nicht für das ‚Ach, wir sind alle so toll‘ aus den eigenen Reihen. Der 8. März ist ein Tag, an dem man jedes Jahr erneut daran erinnern muss, dass noch viel zu tun ist, um die Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen.“

Mama-Content

Seit knapp sieben Jahren liefert Kerstin Stamer auf ihrem Blog und via Social Media Beiträge über Elternschaft, das Muttersein und Kinder. Leben, lieben, basteln, essen, reisen, streiten – Familiengedöns eben, so heißt das Ganze auch. Rund 20 000 Besuche zählt der Blog jeden Monat, vornehmlich aus Lüneburg und Umgebung. Mehr als 2000 Menschen folgen ihr zudem auf Instragram und Pinterest. Was sie hier suchen und finden ist ungeschönter Mama-Content: Aus dem Leben geschnittene Geschichten, DIY-Anleitungen für den Osterschmuck oder Fancy Food-Tricks, ausgefallene Deko-Ideen, um Kindern auch ungeliebtes Essen spielerisch schmackhaft zu machen. Kerstin Stamer selbst nennt es „ehrliches Blogging“, keine minutiös geplanten Postings, keine ewig durchkonzipierten Fotos. Ein Gegenwicht also zur klassischen Social-Media-Show. Wenn nötig, mit Mittelfinger als visuelles Statement.

Einen Nerv treffen

„Mama bzw. Eltern zu sein ist wunderbar“, sagt die 38-Jährige. „Und die schönen Seiten abzubilden macht Spaß. Aber jede und jeder kennt auch die Durststrecken.“ Dass diese trotz eines erkennbaren Social-Media-Trends hin zu mehr Authentizität noch immer nicht weitreichend genug öffentlich stattfinden, empfindet Kerstin Stamer als gesellschaftliches Problem. „Gerade, wenn man viel in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist, begegnet einem oft die perfekte Illusion, vieles ist gestriegelt und klinisch blank.“ Aufseiten der Follower könne das unnötigen Druck aufbauen, auch sie habe diese Erfahrung gemacht. „Man vergleicht sich automatisch, fragt sich, warum es bei anderen Eltern immer ordentlich aussieht und alles glatt läuft. Dabei wissen eigentlich alle: Es gibt Tage, an denen halt einfach gar nichts läuft.“ Dass sie neben ihrem bunten DIY-Content auch diesen Gefühlen öffentlich Platz macht, trifft offenbar einen Nerv. Bis zu 40 000 Klicks erreichen ihre Beiträge.

Blog statt Babykurse

Und doch: Der Startschuss zum Bloggerdasein fiel einst unvorhergesehen. Im Sommer 2014 gerade mit Mann und dem ersten Kind aus Kiel in die Salzstadt gezogen, hatte sich in der kleinen Familie schnell Ernüchterung eingestellt. „Jahr 1 mit Baby war ziemlich einsam in Lüneburg“, erinnert sie sich. „Ich bin damals naiv davon ausgegangen, dass wir in der neuen Heimat direkt Babykurse besuchen können und Anschluss finden.“ Stattdessen aber gab es nichts als lange Wartelisten, von Kontakt zu anderen Eltern keine Spur. Es mussten Alternativen her, so entstand die Idee für den eigenen Blog. Und ihre guten Antennen, unterhaltsame und pädagogisch wertvolle Beschäftigungen für Kinder zu finden, kamen an.

Theorie und Praxis

 „Neben ‚positiven Inhalten‘ habe ich aber auch viel über die Misere geschrieben, wenn man als Elternteil nach der Elternzeit in so ein Loch fällt und wie man sich wieder befreit“, erzählt sie weiter. „Das ist gefragt, aber öffentlich reden die meisten darüber nur hinter vorgehaltener Hand“, beobachtet sie. „Die Situation, wenn man merkt, dass die Pläne, die man geschmiedet hat, nicht mit der Realität in Einklang zu bringen sind, ist hart. Unsere Töchter sind mit jeweils eineinhalb Jahren früh in die Krippe gekommen. Die beiden dann aber auch in die Ganztagsbetreuung zu geben, war für mich emotional nicht drin. Da bin ich deutlich mehr Glucke geworden, als ich es erwartet hatte.“

Gerade, wenn man viel in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist, begegnet einem oft die perfekte Illusion, vieles ist gestriegelt und klinisch blank.
Kerstin Stamer

Kerstin Stamer ging daraufhin den Weg der beruflichen Veränderung. Sie hing ihre gute Position in der Immobilienwirtschaft an den Nagel und nahm noch während der Elternzeit des ersten Kindes ein journalistisches Studium auf. Das Hobby „Bloggen“ gab den Impuls, heute ist sie als freischaffende Texterin aktiv, bewegt keine Zahlen mehr, sondern Worte und Menschen. „Der Blog und meine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken sind meine Freizeit, das mache ich zum Spaß“, sagt Kerstin Stamer. Je nach Plattform wird ein kleines Zeitfenster genutzt, oder eben das große, wenn die Kinder schlafen. „Mein Mann und ich haben gelernt, uns in Sachen Betreuung zu arrangieren. Das hat auch die Pandemie-Situation mitgebracht.“ Falls es im Ablauf aber doch mal hakt, dann gibt es eben Klappstulle.

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