Startseite » Herrchen an der Leine

Herrchen an der Leine

von Ute Lühr

Abgehetzte Hunde, genervte Menschen, straff gespannte Leinen: Wer mit wem unterwegs ist, wenn Tier und Halter einen Spaziergang machen, ist auf den ersten Blick nicht immer klar zu erkennen. Will der Vierbeiner am nächsten Strauch halten, um seiner Nase eine neue Witterung zu gönnen, hat der Zweibeiner seinen komprimierten Tagesplan im Kopf, und der sieht wenig Spielraum vor. Möchte der Zweibeiner hingegen den Alltag hinter sich lassen und die Natur genießen, will der Vierbeiner möglicherweise gerade dann seinem ausgeprägten Jagdtrieb folgen. Ein eingespieltes Team werden die beiden nur, wenn die Kommunikation klar geregelt ist. Beim Canicross ist das Gesetz.

Klare Kommunikation

Seit mittlerweile mehr als 40 Jahren besteht dieser spezielle Geländelauf, bei dem Mensch und Hund mit einer flexiblen Leine miteinander verbunden sind, eine eingespielte Gemeinschaft bilden und auch nur als eine solche auch Erfolg haben. Sollten sie es denn wollen. „Es gibt Spitzen-Gespanne, die derart trainiert und schnell sind, dass sie bessere Zeiten als die Leichtathletik-Weltrekordler erreichen“, erklärt Canicross-Experte Ingo Babbel aus Bleckede, „denn wenn das Tier zieht, werden die Schritte des Läufers länger. Und das hat Folgen.“ Muss es aber nicht. Als idealen Freizeitspaß sehen die meisten der rund 20 000-Aktiven starken, ständig weiterwachsenden Canicross-Gemeinde den neuen Sport – einen Anspruch auf Höchstleistung haben sie dabei nicht.

Zusammenspiel zwischen Mensch und Hund

„Es ist für viele einfach die Lust an der Bewegung und der gemeinsamen Arbeit mit dem Hund“, weiß der erfahrene Läufer, der aus ganz persönlicher Erfahrung berichtet: Nach einem dreifachen Burnout musste der Familienvater seinen Beruf als Bundespolizist an den Nagel hängen, wurde vor jetzt zehn Jahren frühpensioniert. „Die Tätigkeit mit den Vierbeinern hat mein Leben bewusster gemacht, mich bereichert“, sagt er rückblickend, „und mich aus dem tiefen Loch geholt.“ Raus gehen, in der Natur sein und Tiere mögen – viel mehr Voraussetzungen braucht es für den Trendsport nicht. Und das ist es, was auch Ingo Babbel reizt: „Die Beziehung zwischen Mensch und Hund funktioniert seit Jahrtausenden bedingungslos. Im perfekten Zusammenspiel und mit klaren Regeln tut sie einfach beiden gut.“ Und die sind beim Canicross eindeutig definiert: „Führen darf nur der Hund“, erklärt der gebürtige Rheinländer, „der Mensch hat zu folgen.“

Es gibt Spitzen-Gespanne, die derart trainiert und schnell sind, dass sie bessere Zeiten als die Leichtathletik-Weltrekordler erreichen.
Ingo Babbel, Canicross-Experte

Entscheidend sei außerdem, dass beim Laufen stets ein Zug auf der Leine bestehe und diese nicht durchhänge. Dadurch kann der Läufer die Geschwindigkeit steuern: „Wird der Zug auf die Leine stärker, weil der Läufer das Tempo nicht mehr halten kann, merkt auch der Hund, dass er langsamer werden muss.“ Gutes Training ist dementsprechend enorm wichtig, denn die Belastung besonders für die Gelenke ist groß: Durch die Kraft des ziehenden Hundes wird der Läufer um drei bis vier Stundenkilometer im Durchschnitt schneller, die Flugphase verlängert sich, die Laufbalance kommt aus dem Gleichgewicht. „Dazu kommt meist ein noch unebener Untergrund, das bietet weiteres Risiko“, sagt der 49-Jährige. Wer sich dem Sport aber langsam nähert und mit gezielten Übungen seine Muskulatur aufbaut, der könne viel erreichen. Materiell benötigt wird im Grunde wenig: Eine elastische, durch einen Gummizug flexibel gestaltete maximal zwei Meter lange Leine verbindet Mensch und Tier, sorgt durch ihre speziellen Eigenschaften für optimale Dämpfung bei ruckartigen Bewegungen. Sie wird auf der einen Seite in der Regel durch einen Gürtel gehalten, auf der anderen an einem passenden Geschirr befestigt.

Das richtige Equipment 

„Zudem sind besonders bei nassem und glattem Untergrund Schuhe mit entsprechendem Profil vonnöten“, sagt Ingo Babbel, „denn ein fester Griff auf rutschigem Boden ist unerlässlich.“ Und der kann variabel sein. Ein Trail im Wald, eine hügelige Berglandschaft, ein herkömmlicher Wanderweg oder ein matschiger Pfad: Geeignet ist, was fordert, dabei aber nicht schadet: „Eine asphaltierte Straße ist für den Hund dabei ebenso unpassend wie eine Schotterpiste“, erklärt der Experte, „denn das könnte die Pfoten verletzen.“ Und auch die Jahreszeit spielt keine Rolle: „Ich bin am liebsten im Winter unterwegs“, sagt Ingo Babbel, „zudem besonders gern im Schnee.“ Deshalb hat der 49-Jährige auch eine Affinität zum Schlittenhundesport, hat vor etlichen Jahren eine Ausbildung zum Musher gemacht. Dort hat Canicross auch seinen Ursprung: „So können die Hunde auch in den wärmeren Monaten trainiert werden“, erklärt er.

Lust auf neue Herausforderungen

Einen Schlitten nutzt der Bleckeder mittlerweile zwar nicht mehr, einen Schlittenhund aber schon. Voraussetzung ist das aber nicht: „Wichtig ist nur, dass der Hund zum Läufer passt – sowohl vom Temperament, als auch vom Gewicht“, erklärt er, „denn keinem nutzt es, wenn ein Tier den Menschen durch die Gegend zerren muss oder umgekehrt.“ Lust an neuen Herausforderungen sollte der Vierbeiner aber mit sich bringen – darf aber auf keinen Fall überlastet werden: „Wie bei uns auch muss die Muskulatur des Tieres langsam aufgebaut werden, um Verletzungen zu vermeiden“, erklärt Ingo Babbel. Und das gilt auch für den Leistungssport: Zahlreiche nationale und internationale Wettbewerbe gibt es mittlerweile, darunter auch Deutsche, Europa- und Weltmeisterschaften. Auf meist abwechslungsreichen Strecken geht es dabei über Gras- und Waldböden, über natürliche Hindernisse, bergauf und bergab.

Wettbewerb

„Die Saison beginnt im Frühjahr, macht dann im Sommer eine Pause wegen der möglichen Hitze und endet im späten Herbst“, erklärt der Experte. Mehr als 40 Rennen gibt es jährlich auch in Deutschland, mitunter gehen dabei zwischen 600 und 1000 Gespanne an den Start. Die Streckenlängen sind variabel: Zwei Kilometer, fünf oder zehn, aber auch Disziplinen über mehrere Tage können bestritten werden. „Wichtig dabei ist, dass die Tiere fit sind und gezielt trainiert“, sagt der Fachmann, „denn ein Hund, der aufgeben muss, wird dieses als Negativerfahrung abspeichern. Und die lässt ihn nie mehr los.“ Loslassen – das ist es, was den Sport derart reizvoll macht: „Wenn man mit seinem Tier in engster Symbiose in der Natur unterwegs ist, lässt man alles hinter sich“, sagt Ingo Babbel, „das macht den Kopf frei und schärft den Blick für neue Ziele.“ Die hat er selber nur noch privat: Zwar betreut der 49-Jährige eine kleine Gruppe von Canicross-Sportlern und einige -Events, „ansonsten genieße ich aber meinen Ruhestand“.

0

Weitere interessante Artikel