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Roxy, Bali, Capitol

von Hans-Martin Koch
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Seine ersten Helden hießen Bambi, Dumbo und Schneewittchen. Als Bernard und Bianca, Mogli und Balu, Eliot und das Schmunzelmonster hinzukamen, war es um Andreas Thedens endgültig geschehen: Das Kino hatte den Jungen aus Mechtersen im Griff. Heute zählt Thedens 48 Jahre, schaut hundert Filme und mehr im Jahr, sitzt im Scala, im Filmpalast, im Hamburger Savoy und bei Festivals, wo er es auch mal auf sieben Filme am Tag bringt. In ihm flimmert’s gewaltig. Und jetzt? Jetzt ist Sendepause. Klappe zu. Kino zu.
Aber: Das Kino erzählt ja nicht nur Geschichten, es steckt ja selbst voller Geschichte. In jüngerer Zeit hat Andreas Thedens Akten im Stadtarchiv durchblättert und das LZ-Archiv durchforstet. Ihn hat die Lüneburger Kinogeschichte gepackt. Sie beginnt am 21. November 1896: In der Lokalzeitung wird eine „Vorläufige Anzeige“ geschaltet und verkündet, dass „hierselbst in Lindemanns Restaurant, Am Sande, Die lebende Photographie, größte Erfindung der Neuzeit, durch den Kinomatographen vorgeführt“ wird. Die Sache geht schief, der Vorführer scheitert an der Technik.

Kinogeschichte

Nachzulesen ist das in Ricarda Strobels Buch „Kinokultur“ über Filmtheater in Lüneburg von 1896 bis 1993. Das Buch entsprang einem Uni-Projekt. „Ich hab’s verschlungen, fand’s superspannend“, sagt Andreas Thedens. Seine Lust, sich in die Kinogeschichte einzugraben, wurde auf dem Saal des Brauhauses Nolte an der Dahlenburger Landstraße befeuert. Thedens ist mit Carsten Nolte befreundet, sie kennen sich von verschiedenen Projekten, vorwiegend aus dem Musikbereich. Der Saal des Brauhauses war zwischen 1953 und 1962 verpachtet und zum „Roxy“-Kino umfunktioniert. Beim Kampf um Filme wie „Rio Grande“ und „Sterne über Colombo“ war es Konkurrent etwa vom Bali, aus dem später der Star-Palast wurde – was eine andere Geschichte ist.

Roxy-Revival geplant

Edison, Schaubühne, Hansa, Heide, Capitol, Union – die Kinogeschichte der Stadt schreibt viele Namen bis hin zum britischen Truppenkino, aus dem das Theater wuchs. Und zu den Altstadt-Lichtspielen, die „Fuzzy“-Filme zeigten und schließlich im Pornosumpf versanken. Heute locken noch zwei Lichtspielhäuser vor die Leinwand: Das Scala wird Jahr um Jahr als eines der besten Programmkinos gefeiert. Der Filmpalast bietet die Technik, die jedem Blockbuster gerecht wird.
Ab und an macht Thedens, der Kulturwissenschaften studierte, selbst Programm. Er hat den „Damn Fine Club of Cinema“ gegründet, ein Kollektiv, das aus ihm besteht und ab und an für Filmevents sorgt. Im Scala lief Mitternachtskino unter dem Titel „23.59“, eine 90er-Kultfilmreihe ist im Gespräch, und auf dem Nolte-Saal soll es ein kleines Roxy-Revival geben – aber wer weiß, wann und ob …

Historisches Filmmaterial fehlt

Die Geschichte der populären, der Alltagskultur spiegelt sich nicht in den Museen. Es braucht Enthusiasten wie Andreas Thedens, um sie festzuhalten. Thedens nutzt jede Quelle wie Janna Hadlers Bachelorarbeit zur Kinokultur ab 1994. Schade nur: „Es gibt kaum historisches Filmmaterial zum Thema“, bedauert Thedens. Auch sonst wenig: Mobiliar wurde verscherbelt, Plakate landeten im Papiermüll, Projektoren im Schrott. Andreas Thedens will einen Dokumentarfilm zum Thema drehen, und an ein Buch denkt er auch. Zeitzeugen würde er gern interviewen, vielleicht meldet sich ja wer per Mail unter kino@damnfineclubofcinema.com.

Lieblingsfilme

Andreas Thedens hat noch viel zu erzählen, etwa über KiEW, seine Rhytmn Noise-Band, die er seit 30 Jahren pflegt. Aber die Geschichte wird ein andermal erzählt. Diese hier handelt von gut 40 Jahren Kinoliebe. Das Panini-Sammelalbum zu den „Aristocats“ von 1980 hat Thedens noch. Seine Hitliste setzt sich natürlich längst anders zusammen. Lieblingsfilme? Wie aus der Pistole geschossen: „Absolute Giganten“ – „der Hamburgfilm schlechthin“. Weiter? „Blade Runner“ von Ridley Scott, „Gegen die Wand“ von Fatih Akin, „Mulholland Drive“ von David Lynch („bin ein absoluter Fan von ihm“), „Stalker“ von Andrei Tarkowski. Unbedingt zu nennen wäre noch „Pulp Fiction“ von Quentin Tarantino – „den habe ich so oft im Original gesehen, bis ich die Dialoge mitsprechen konnte“.

40 Jahre Kinoliebe

Thedens mag das Düstere, die Dystopie, den Grusel und Fantasy. Bevor er nun selbst durchdreht, weil die Kinos dicht sind, dreht er lieber selbst. „Kino ohne Talent“, kurz KoT, nennt sich ein Hamburger Filmteam, bei dem er mitmischt. Da steckt wie bei allem, was Thedens macht, Leidenschaft, Akribie und Ironie drin. Er hat ja auch als fremddeklarierter „Meister des Wahnsinns“ ein Plattenlabel namens Fischfleischplatten gegründet, er pflegt das Elektro-Bandprojekt 13th Monkey, er schreibt Geschichten, und auf Radio ZuSa bedient er die „Rauschzeit“. Was vergessen? Keine Ahnung. Klappe zu.

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