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The Next Generation

von Josephine Wabnitz
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Haben Sie schon mal von PIWIs gehört? fragt die Professorin in die Runde. Säßen wir Studierende im Hörsaal, hätte man vielleicht hier und da ein Nicken gesehen. Doch die Vorlesung findet online statt, und so lässt sich kaum ablesen, ob jemand die Bedeutung dieses seltsamen Wortes kennt. Kurz darauf erscheint im Chat die Auflösung: PIWIs sind pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Aha. Und weiter? 

Reiche Historie

Paulin Köpfer ist Fachmann auf diesem Gebiet. Seit 33 Jahren arbeitet der studierte Diplom-Oenologe im Weingut Zähringer, eines der bekanntesten Bio-Weingüter Deutschlands. Er erklärt mir, was es mit diesen „PIWIs“ auf sich hat: „PIWIs haben eine so reiche Historie, dass man damit einen eigenen Bericht füllen könnte. Kurz gesagt, sind es Neuzüchtungen, die zwar keine vollständige Resistenz, aber hohe Widerstände gegen Krankheiten im Weinberg mitbringen.“ Bei diesen Krankheiten handelt es sich hauptsächlich um zwei Mehltaupilzkrankheiten, die dem Rebstock wichtige Nährstoffe entziehen. „Vor über 170 Jahren wurden diese Pilze aus Amerika eingeschleppt. Die europäische Weinrebe, Vitis Vinifera, hatte dagegen keine Abwehrkräfte und wurde komplett überrollt. Seitdem wird die Pflanze nur von uns Weinbauern künstlich am Leben erhalten.“ Und das ginge natürlich nur mit entsprechenden Pflanzenschutzmitteln.

Jahrtausende des Weinbaus haben unzählige Rebsorten hervorgebracht. Warum brauchen wir jetzt neue? Foto: nh/tonwert21.de

Natürliche Abwehrtechnik

„Die Weinrebe muss sehr viel gepflegt werden, um es nett auszudrücken.“ Meine Recherche bestätigt es: während der deutsche Weinbau lediglich 0,61 Prozent der Agrarfläche ausmacht, steht die Branche für 19,3 Prozent der deutschlandweit eingesetzten Fungizide. „Das ist definitiv zu viel! Hier wird die Bundesregierung sicher in den nächsten Jahren Vorgaben zur Reduktion setzen. Ich gehe von 30–40% aus.“ Oha. Der Weinbau steht da vor großen Herausforderungen. Eine Lösung scheint es bereits zu geben: „Die amerikanische Rebe, die seit jeher dem Mehltau ausgesetzt war, hat natürliche Abwehrtechniken entwickelt. Daher kam man bereits Anfang des 19. Jahrhunderts auf die Idee, diese Rebe mit der europäischen zu kreuzen.“ Und, hat das geklappt? „Technisch gesehen ja, aber die ersten Resultate waren nicht sehr erquicklich“, muss Köpfer lachend zugeben. „Die amerikanischen Trauben brachten einen recht fuchsigen Ton in den Wein; so war das natürlich nicht gedacht. In den letzten 40 bis 50 Jahren hat man daher die ersten Hybride immer wieder mit der Vitis Vinifera kombiniert, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen: Resistenzgene mit Geschmack.“

Geschmacklich wunderbar

Wie schmecken diese neuen Sorten? „Da stellen Sie die entscheidende Frage, Frau Wabnitz. Und es freut mich zu sagen, dass die PIWIs nicht nur für den Anbau fantastisch sind, sondern wunderbar schmecken.“ Es gäbe sogar Sorten, die dem Riesling und Grauburgunder „zum Verwechseln ähnlich“ seien. „Diese Weine sind unglaublich spannend. Sie bringen neue, attraktive Eigenschaften mit, und ich wage sogar zu behaupten, dass sie in Blindproben oftmals besser abschneiden würden als die konventionellen Varianten.“ Weingut Zähringer bietet inzwischen auch mehrere Weine an, in denen PIWIs enthalten sind. „Unseren Cabernet Blanc verkaufen wir rebsortenrein. Und in unserer „Pop Music Wisdom“-Reihe mit leckeren Cuvées in weiß, rot und rosé sind jeweils 50 bis 80 Prozent der neuen Rebsorten verschnitten.“

Alles natürlich

Das Weingut im Markgräflerland arbeitet seit 1987 nach ökologischen und seit 2005 auch nach biologisch-dynamischen Grundsätzen. „Das bedeutet, dass wir keine synthetischen Fungizide, sondern nur naturnahe Produkte verwenden. Damit steigt jedoch auch das Krankheitsrisiko an.“ Die logische Schlussfolgerung: Biodynamischer Weinbau und PIWI-Reben sind die perfekte Ehe. „Dank der Resistenzgene haben wir sicherere Erträge und müssen die Pflanzen weniger behandeln.“

Neue Sorten entwickeln

Mittels moderner Technik könne man im Genom erkennen, wie viele solcher Resistenzgene die Pflanze jeweils habe und es gebe einen festgelegten Wert, die eine PIWI-Sorte nicht unterschreiten dürfe. In Deutschland gibt es nur drei Züchtungsanstalten, die sich an der Entwicklung neuer Sorten versuchen, „immerhin kann so ein Prozess 30 Jahre dauern.“ Paulin Köpfer beschäftigt sich bereits viele Jahre mit dem Thema und versucht, auch unter seinen Winzerkollegen mehr Aufmerksamkeit auf die PIWIs zu lenken. „Seit anderthalb Jahren kommt endlich Fahrt auf. Es wird fleißig geforscht und sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Aktuell sind nur drei Prozent der deutschen Rebfläche mit PIWIs bepflanzt.“ Seine Hoffnung sei es natürlich, dass auch dieser Wert sich bald steigern würde.

Test bestanden

Helios, Muscaris, Souvignier Gris – schon die Namen klingen ganz exotisch und machen richtig Lust auf eine Verkostung … „Ich lasse Ihnen gerne Proben zukommen, keine Frage!“, verspricht der Oenologe. Und tatsächlich: Zwei Tage später halte ich das Paket in den Händen.
Auf Anhieb bin ich regelrecht begeistert von den neuen Weinsorten. Besonders gefällt mir die Cuvée blanc, alias „You’ve got a Friend”. Total cremig, feine Aromen von Holunderblüten, zarte Säure, herrlich frisch und lecker. Mmmh… so richtig etwas für den kommenden Frühling und Sommer. Und auch der knackig-fruchtige Rosé „Let The Sunshine In“ macht unglaublich Spaß im Glas.
Mein Fazit: PIWIs? Mehr davon.

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