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Lokomotive Thomsen

von Hans-Martin Koch
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Am liebsten zitiert Jens Thomsen den Jazzmusiker Vladyslav Sendecki, den weltweit tourenden Pianisten der NDR Bigband: „Elphi ist großartig, hier ist geil.“ Hier, das ist der Saal vom One World in Reinstorf. Thomsen und Team haben das alte Gasthaus in Reinstorf in drei Jahren zu einem besonderen Ort gemacht. Hier wird Geflüchteten Arbeit und Ausbildung geboten, nirgendwo in der Region kommt mehr Livemusik aus aller Welt auf die Bühne, und laufend entsteht Neues.

Platz für Neues

Jens Thomsen betreibt mit Herz und Mund und Tat so etwas wie sein Lebensprojekt. Laufend verfeinert und erweitert er das One-World-Projekt, laufend schiebt er Projekte aufs Gleis, seit Kurzem stehen ein kleiner Friend-Shop mit Produkten und ein Regal mit Büchern aus der Region parat. Wenn sie denn nur öffnen könnten … Corona aber, so scheint es, schafft Platz für Neues. Ein Festival schiebt Thomsen an, und in den Garten geht es jetzt auch. Wie kommt’s?

Dicht bestückter Konzertkalender

Thomsens Herz schlägt ein paar Takte schneller als andere. Der 67-Jährige sprudelt vor Ideen. „Wir stehen am Anfang der nächsten Ausbaustufe“, sagt er. Wo ein Fördertopf, da guckt Thomsen hinein und findet, was passt. Er nennt Corona-Programme wie „Neustart Kultur“ „Live 100“ und „Niedersachsen dreht auf“ und ist begeistert. Die Programme helfen, den Saal technisch so auszustatten, dass Musiker dort Ton- und Video-Aufnahmen machen können. Und dass Thomsen gebuchten Künstlern Gagen garantieren kann. Der Konzertkalender mit Weltmusik, Klassik, Jazz, Liedermachern und mehr ist ab diesem Mai dicht bestückt. Was jetzt nicht geht, wird in den Herbst geschoben. Wie überall im One World setzt Thomsen bei all seiner Präsenz zugleich auf Teamarbeit, am Programm strickt Astrid Münder mit. Was läuft?

Es geht voran

Eine kleine Vorschau mit dem Warnhinweis, dass alles vorläufig ist: Sendecki, laut Süddeutscher Zeitung „ein Meister der Emotion“, ist mit Drummer Jürgen Spiegel für den 8. Mai gebucht. Mellow Melange mit der Lüneburgerin Sonja Firker (21. Mai), die Reppenstedterin Tania Fritz und Liedermacherinnen (30. Mai), das Rothko String Quartett mit dem Scharnebecker Cellisten Jakob Nierenz (3. Juni), die Klezmerband Mischpoke (11. Juni), das Weltmusik-Duo Fjarill (23. Juni), das Tini Thomsen Quintett (21. August) … Was will man mehr?! „Schritt für Schritt für Schritt für Schritt“ gehe es voran, sagt Jens Thomsen. Eine andere Richtung kennt die Mensch gewordene Lokomotive nicht. Aber: „In drei Jahren bin ich 70. Dann bin ich hier raus, dann muss der Laden laufen.“ Kann er aufhören? Schaumermal.

Foto: nh/tonwert21.de

Generationenprojekt

Das Team jedenfalls wächst, eines mit jungen, unter anderem aus Afrika und Südamerika kommenden Frauen und Männern, „die sonst kaum eine Chance hätten“. Drei Auszubildende, zwei Bufdis, ein Einstiegsqualifikant zählen zurzeit dazu. Wer noch? Auf der anderen Seite der Alterspyramide bringen sich Menschen ein, die ihr Berufsleben hinter sich haben. Klar: One World versteht sich auch als Generationenprojekt. Das bekommt, so der Plan, einen originellen visuellen Part. Nach Jahrzehnten geordnet sollen Fotos Jugendkultur der 50er, der 60er, der 70er etc. dokumentieren. Eine Foto-Ausstellung namens „Winkefleisch und alte Augen“ hängt schon länger im Gastraum. Wohin wird das alles noch führen?

In drei Jahren bin ich 70. Dann bin ich hier raus, dann muss der Laden laufen.
Jens Thomsen

Erst einmal nach draußen. Anfang Juni soll der Garten der Kulturen blühen. Terrasse und verkrauteter Garten am gemach fließenden Vitusbach werden aufgearbeitet – als soziokulturelles Projekt. Sitzmöglichkeiten und Kunst werden aufgestellt, vor allem aber sollen rundherum Pflanzen aus allen Kontinenten gedeihen. Die Terrasse kann verstärkt für Konzerte genutzt werden, nun mit optimierter Ton- und Lichtanlage. Alles Reinstorf oder was? Nein, der Blick weitet sich über das One-World-Zentrum hinaus. Zurzeit schraubt Thomsen mit dem Hof der Künste des Pop-Produzenten Peter Hoffmann aus Vögelsen und mit der Musikmeile Barnstedt an einem Festival: „Con Next“.

Festival „Con Next“

Vom 27. August bis 12. September sollen im Landkreis und in der Stadt an gut zwanzig Spielstätten Verbindungen hergestellt werden, zwischen Kulturen, zwischen Generationen, zwischen Musik und Tanz, zwischen Spiel und Sport, zwischen Profis und Amateuren. Das konkrete Programm entsteht, wenn die Förderung steht. Der Topf ist jedenfalls offen. War’s das? Natürlich nicht: eine „Ausblick Kultur“-Zeitschrift, eine Galerie für Malerinnen und Maler aus der Region, Workshops für Videoschnitt und mehr, ein Clubraum mit Spielen aus aller Welt, Werbe-Aufsteller für Stadt und Land, Bilderwelten für den Saal mit technisch aufgemotzten 60er-Jahre-Projektoren und und und. Die One-World-Lokomotive hat noch viel Druck auf dem Kessel. Mindestens für drei Jahre. Wie war das noch?
Elphi ist großartig, keine Frage. Aber hier …

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