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Wissen schafft Bewusstsein

von Ute Lühr
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Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Zumindest aus Sicht des Menschen. Denn während dieser sich ganz im Einklang mit der Natur seine Grenzen weiter steckt, Probleme im Galopp löst und die heilsame Kraft der stolzen Vierbeiner genießt, empfinden die Tiere das Zusammenspiel – zumindest rein genetisch betrachtet – als echte Herausforderung. „Der Rücken nämlich ist für die Pferde ein hochsensibler Bereich“, erklären Nina Boba und Annalena Denecke, „ist er in freier Wildbahn doch der primäre Angriffspunkt für ihre Jäger.“ Wissen schafft Bewusstsein – und das ist den beiden Reitpädagoginnen wichtig.

Verwirklichung eines Traums

Vor gut vier Jahren haben die beiden Freundinnen deshalb mit „Annis Ponyhof“ ihre eigene Reitschule gegründet, sind seit Oktober vergangenen Jahres damit in Rullstorf beheimatet. „Hier konnten wir final unseren Traum verwirklichen, haben einen Offenstall, einen Paddocktrail, einen Bauwagen, einen Reitplatz und einen wunderschönen Wald vor den Toren. Das passt“, sagen sie und sind sich nicht nur in dieser Hinsicht einig. Denn Reiten zu lehren, ist das eine, das Tier dabei als Partner und Lebewesen zu sehen, das andere. Und darauf legen die beiden Jungunternehmerinnen den größten Wert.

Lernen von verantwortungsvollem Umgang

In einer speziellen pädagogischen Kinderreitschule haben die Pferdeliebhaberinnen deshalb vor Beginn ihrer Tätigkeit eine intensive, zweijährige Ausbildung absolviert. Nina Boba erklärt: „Im Fokus steht dabei die Vermittlung des partnerschaftlichen Umgangs mit den Pferden, der alles beinhaltet von Pflege über Bodenarbeit, Pferdesprache, Umgangsregeln, pferdegerechte Haltung, Bedürfnisse und mehr.“ In kleinen Gruppen lernen die Jungen und Mädchen die verantwortungsvolle Interaktion mit den Ponys, stärken dabei unbemerkt die eigene Persönlichkeit, Wahrnehmung, Koordination, Körperhaltung und soziale Kompetenz. Am Ende profitieren alle davon.

Bedürfnisse der Tiere im Vordergrund

„Unsere Tiere dürfen und sollen dabei so sein, wie sie sind“, sagt Nina Boba, die ganz gezielt keine Vierbeiner möchte, „die willenlos ihren Dienst verrichten, Runden laufen, ohne wirklich anwesend zu sein. Ohne eigene Vorschläge den Tag erdulden. Das ist nicht artgerecht“, sagt sie, „besonders nicht für die frechen Ponys.“ Fünf von diesen haben die beiden Frauen sich mittlerweile angeschafft, drei privat, zwei in der Reitschule angestellt. Und die werden gehört. Annalena Denecke sagt: „Das ist eben so wie bei uns Menschen, auch wir haben mal einen schlechten Tag, Schmerzen oder Unlust. Das berücksichtigen wir auch bei unseren Tieren.“

Mit den Hufen scharren

Gezwungen wird zur Arbeit keiner, meist sind sie aber alle ganz heiß darauf: „Wenn die Kinder kommen, stehen die Ponys meist schon am Gatter und scharren mit den Hufen, denn sie freuen sich auf die Abwechslung.“ Und die ist vielschichtig. Aufgeteilt in zwei Altersklassen lernen die Minis zwischen vier und sechs und die Maxis von sechs bis zehn Jahren alles, was einen verantwortungsvollen Umgang mit den kleinen Vierbeinern betrifft: „So bringen wir ihnen anfangs zahlreiche Regeln bei, die auch in Hinblick auf die Sicherheit eine enorme Rolle spielen“, sagen die Familienmütter, die sich über die Freundschaft ihrer Männer kennengelernt haben: Es wird ihnen beispielsweise erklärt, dass das Tier hinter sich nichts sehen, es sich bei Geräuschen erschrecken und dann austreten kann. Es wird ihnen gezeigt, dass sie bei der Pflege immer auf beiden Füßen stehen müssen, um zur Not wegspringen zu können. Und es wird ihnen erläutert, wie das Tier sich fühlt – je nachdem, welche Reaktionen es zeigt.

Spielend Erfahrungen sammeln

Der wichtigste Punkt ist aber der, dass es sich um ein Lebewesen handelt und nicht um ein Sportgerät. „Das ist beim Reiten leider nicht allen klar.“
Basisarbeit – das ist das Fundament, und so sitzt bei den Reitstunden auch nicht jedes Kind ständig auf einem Tier. Nina Boba, die selbst schon ganz früh mit den edlen Vierbeinern in Kontakt kam, sagt: „Unsere Gruppen habe eine Stärke von sieben Kindern. Zwei von ihnen sind im Wechsel mit den anderen auf den Ponys, der Rest währenddessen zu Fuß unterwegs. Eingebunden aber sind alle.“ Denn das, was neben der Theorie eine große Rolle spielt, ist natürlich auch die Erfahrung auf und mit dem Tier. Und die sammeln alle am besten spielerisch – auch vom Boden aus.

Spiel und Spaß mit Pferd

Gespielt wird viel – besonders gerne „Schatzwächter“. „Dabei stellen wir in einigem Abstand zueinander Hütchen auf“, sagt Nina Boba, und schicken einen Kobold auf die andere Seite des Reitplatzes.“ Immer dann, wenn dieser seinen Reim aufsagt, dürfen sich die beiden Reiter und die Läufer zum nächsten Hütchen in seine Richtung vorbewegen, müssen sich aber hinter diesem verstecken, wenn er innehält. „Das geht dann so weit, dass sich nicht nur die laufenden Kinder hinhocken, sondern das Pony seinen Kopf nach unten nimmt, um sich möglichst klein zu machen“, sagt sie lachend, weiß aber auch um den pädagogischen Wert dieses Verhaltens: „Der Reiter muss sich gut halten können, um nicht herunterzurutschen. Und das schult die Körperhaltung.“

Losgelassenen Sitz trainieren

Das wird auch beim „Einkaufsspiel“ erreicht, wie Annalena Denecke erläutert: „Hierbei halten die beiden Kinder auf den Ponys Körbe in der Hand und reiten zu den einzelnen imaginären, über den Platz verteilten Verkaufsstellen der anderen Jungen und Mädchen. „Dort wird dann Ware entgegengenommen, dafür Geld gezahlt, es muss sich gebückt und gereckt, die Hand ausgestreckt und dabei gleichzeitig der Korb gehalten werden. Dabei merkt der junge Reiter gar nicht, dass er sich im losgelassenen Sitz befindet. Und das ist optimal.“ Denn gut bewegen kann sich ein Mensch auf dem Tier nur dann, wenn er nicht krampft – und nicht klammert. Denn Druck, der erzeugt Gegendruck und führt zu keinem Ziel.

Ohne Steigbügel und Sattel

Nina Boba sagt: „Der Reiter ist im Oberkörper aufrecht und stabil wie ein Wikinger und im Becken flexibel wie eine Bauchtänzerin. Wenn ich das beherrsche, dann sitze ich optimal.“ Und genau das lernen die Kinder bei ihnen. Und alles in den allermeisten Momenten ohne Steigbügel und Sattel. Im Alter von zehn Jahren ist dann aber Schluss, dann werden die Kinder auch für die Tiere zu groß: „Dann entlassen wir sie mit der erworbenen Fähigkeit, selbstständig ein Pferd zu pflegen und zu reiten und hoffen, dass sie einen guten Hof finden“, sagen die beiden Frauen. Im Idealfall stoßen sie dann dort auf das, was sie bei „Annis“ zurücklassen: Tiere mit einer eigenen Meinung, die als solche auch respektiert werden. Denn dann liegt das Glück der Erde vielleicht für alle auf dem Rücken der Pferde.

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