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Aufgeben? Keine Option!

von Julia Drewes
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Es ist nicht einfach, Florian Buhr zu erreichen. Mit Geduld und dem Fäden ziehen durch Dritte klappt es. Der große Mann mit den Kennzeichen Brille, Zopf und dunkle Kleidung ist permanent beschäftigt. Von Stress jedoch lässt die Ruhe, die seiner Stimme zugrunde liegt, nichts vermuten. Der 46-jährige Wahl-Melbecker mit Wurzeln im Raum Uelzen ist Unternehmer, sitzt als Geschäftsführer am Regler bei Protones in der Goseburg – heute allerdings oft nur noch im übertragenen Sinne. 40 Mitarbeiter zählt das Team aktuell, Tendenz steigend, denn das Geschäftsfeld der Firma hat sich im Lauf der vergangenen Monate deutlich erweitert. Am 1. Juni feierten sie die Eröffnung einer Außenstelle in Hamburg-Hammerbrook. Diese Entwicklung hängt auch mit Corona zusammen.

Brille, Zopf und dunkle Kleidung

„Sound, Licht, Video und Bühne“, so fasst Florian Buhr in Kürze das Aufgabenfeld zusammen, dem er sich schon in Teenagertagen verschrieben hat. Was genau dazu zählt, muss er erklären. Vorweg ein Schluck Kaffee. „Das ist ganz klassisch, die Installation und der Verleih von technischer Infrastruktur für Events wie Konzerte und Festivals, aber auch der Wartungs-Service im Bereich bestehender Systeme. An Theatern beispielsweise, in Restaurants und oder auf Kreuzfahrtschiffen.“
Das jüngste Feld macht die digitale Umrüstung von Schulen aus. „Diversifizierung war schon vor der Pandemie ein wichtiges Thema für uns“, sagt er. „Um möglichst breit aufgestellt und damit krisenfest zu sein.“ Die Krise kam.

Gründung von Protones

Buhr, selbst Autodidakt, der als Jugendlicher im Punk sozialisiert wurde, hat den Szene-Leitgedanken DIY nie abgelegt: Dinge selbst in die Hand nehmen, netzwerken, so gut wie möglich unabhängig sein. Über Konzerte und den eigenen subkulturellen Kontext kommt er Anfang der 90er-Jahre mit Bühnentechnik in Berührung. Als junger Erwachsener veranstaltet er selbst, lädt Bands ein, steht am Mischpult. Es ist nur konsequent, dass er diesen Weg auch beruflich weitergeht. Das nötige Equipment wird im Laufe der Jahre angeschafft. 1997 folgt die Selbstständigkeit, bis zur Gründung von Protones im Jahr 2004 ist er als freier Tontechniker unterwegs, betreut unter anderem sämtliche Veranstaltungen im ehemaligen Vamos! oder reist mit Musicals durch Europa.

Mit und aneinander wachsen

Aus der One-Man-Show für Veranstaltungstechnik-Dienstleistungen wird binnen weniger Jahre ein mittelständischer Full-Service-Anbieter, Florian Buhr und Protones wachsen mit und aneinander. Auch heute noch. Wie es sich anfühlt, wenn 98 % des Geschäfts von heute auf morgen wegbrechen, erzählt er im Gespräch. Und davon, wie gut es ist, wieder den Boden unter den Füßen zu spüren und nach vorne zu blicken. 

Foto: nh/tonwert21.de
Foto: nh/tonwert21.de
Als Zahnrad der Kultur- und Veranstaltungsbranche war Protones unmittelbar von der Krise betroffen. Erinnern Sie sich an die Zuspitzung der Ereignisse?

Ja, daran kann ich mich gut erinnern. Man lebt ja immer im Moment, und da bin ich relativ klar strukturiert. Ich erinnere mich, dass der Virus um Silvester 19/20 schon ein mediales Thema, aber immerhin noch weit weg war. Die öffentliche Anspannung, gerade auch innerhalb meiner Branche, stieg da allerdings schon. Ende Januar war ich dann in Amsterdam auf einer großen Technik-Messe und dort begegneten mir erstmals neue Hygienemaßnahmen. Überall sah man Desinfektionsmittel, Händeschütteln war dort zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gewünscht, aber alle gingen damit noch recht unbeholfen um. Es hat sich ehrlich gesagt bescheuert angefühlt.

Wie ernst war die Lage?

Schon Mitte Februar ging es für uns als Firma dann so weiter, dass erste Veranstaltungen infrage gestellt und Aufträge nicht mehr bestätigt wurden. Und Ende des Monats kamen dann die ganzen Veranstaltungsabsagen aus dem gesamtem Live-Bereich. Alles baute sich schnell auf. Das wollte man eine ganze Weile nicht wahrhaben. Als der Zeitpunkt dann da war, dass alle Veranstaltungen von offizieller Seite verboten wurden, haben wir uns hier zum Gespräch getroffen, um auszuloten, welche Möglichkeiten wir jetzt haben. 

98 % aller Aufträge waren von jetzt auf gleich weggebrochen. Das hieß, dass alle in Kurzarbeit gehen mussten. Diese Ausmaße hatte ich vorher nicht erahnt. Ich verhandele kritische Situationen eher nach innen, aber rückblickend war das für mich ein Schockmoment, das alles hat mich doch extrem gestresst. Das habe ich für mich aber erst später realisiert, als es hier langsam alles wieder losging. Aufzugeben war nie eine Option.

Wie gut wurden Sie von öffentlicher Seite aufgefangen?

Erst mal war ich gut aufgefangen von meiner Familie, meiner Frau und meinen drei Kindern. Das war das Wichtigste, denn man war ja jetzt plötzlich sehr viel zu Hause. Außerdem stehe ich als Unternehmer letztlich für alles gerade, was womöglich auch mentale Auswirkungen hat für mich als Vater, auf die Wohnsituation usw. Der familiäre Rückhalt hat mir diese Gedanken und Sorgen abgefedert, das Wissen, dort aufgehoben zu sein, war entscheidend für mich.

Wenn man als ständig wachsende Firma nie Bezüge hatte zu Themen wie „Förderung“ oder Ähnlichem, ist so eine überraschend eintretende Situation natürlich Neuland, da musste ich viel Wissen anlesen und mich schlau fragen. Wie läuft Kurzarbeit, wie beantragt man die Soforthilfe und solche Fragen haben plötzlich meinen Alltag ausgemacht. Ob wir überhaupt berechtigt sind, war anfangs gar nicht absehbar. Die Soforthilfe kam, wenn auch drei Monate später, aber für die Verantwortlichen war das auch alles neu, das vergisst man gerne. 

Wir sind ja alle Profis in der Krise geworden. Entsprechend haben sich auch Land und Bund weiter professionalisiert. Auch die Stadt Lüneburg hat Förder- und Hilfsprojekte ermöglicht, die uns geholfen haben. Ich muss ehrlich sagen, dass ich das als schönes Zeichen werte. Ich möchte zu diesem Zeitpunkt aber auch nicht mehr in dieser Situation sein, und es geht nach wie vor viel zu vielen so.

Und wie geht es Ihnen, wenn Sie auf Kollegen aus dem Kulturbetrieb schauen?

Das macht viel mit mir. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht behaupten kann, die Krise überwunden zu haben. Wir haben es immerhin so weit geschafft, dass wir jetzt wieder voll in Arbeit stecken, die wirtschaftlich genug ist, um unseren Betrieb zu finanzieren. Unser Ziel war es, bis Mai 2021 die Kurzarbeit zu überwinden, das Ziel hatten wir glücklicherweise schon im März erreicht. Das war möglich, weil wir schon vor der Krise so breit aufgestellt waren und als „Fachelektroinstallationsbetrieb“ und damit in vielen Bereichen flexibel sein konnten. Wenn man aber nach links und rechts guckt, beispielsweise in Richtung Gastro oder zum übrigen Kulturbetrieb, zu Soloselbstständigen oder anderen Kollegen im kreativen Bereich, dann sieht man, dass es nicht für alle so einfach ist, sich umzuorientieren. 

Da bist du auf Gedeih und Verderb mit dem Kulturbetrieb verwachsen, und deshalb erwischt es diese Menschen aus meiner Sicht am stärksten. Sie mussten als erste in den Lockdown hinein, und so wie es aussieht, kommen sie als letzte wieder heraus. Da fehlt scheinbar die sogenannte Systemrelevanz. Kultur macht für uns alle hier einen großen Teil unseres Lebens aus, beruflich, weil wir Bühnen ausstatten, aber auch privat. Wir kommen alle aus dem kreativen Bereich, wir machen diesen Beruf vor allem aus Leidenschaft zur Kultur, zur Musik, zur Schauspielkunst usw. Da empfinden wir es als schade, wenn die Kultur, die viele Konzepte hervorgebracht hat, um bei der Eindämmung des Virus zu helfen, so missachtet wird. 

Industrielle Arbeit, Großraumbüros, Nah- und Flugverkehr – nirgends ist man wahrscheinlich so gut aufgehoben, wie durch die wasserfest entwickelten Crowdmanagementkonzepte im Kulturbetrieb. Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Als Kulturschaffender hat man das Gefühl, dass es von außen sehr einfach ist, zu sagen ‚das findet nicht statt‘, während andere Bereiche wie gewohnt weiterlaufen. Das muss extrem frustrieren. Das kann auf keinen Fall der richtige Weg sein und da muss jetzt etwas passieren.

Inwiefern konnten Sie sich geschäftlich umorientieren?

Es gibt trotz oder eben durch die Krise wohl für jeden auch ein paar interessante Aspekte, privat aber auch geschäftlich. Wir waren anfangs total ins Lokale zurückgeworfen und musste uns die Frage stellen, wie wir uns gerettet kriegen. Aber wir sind hier alle keine Menschen, die gut still sitzen können, alle haben in sämtliche Richtungen überlegt. Zunächst sind wir wie verschiedene Branchenkollegen in das virtuelle Streaming von Konzerten gegangen. Dann kam bei uns die Autokino-Idee für Lüneburg auf und daraus ist letztlich der Kultursommer entstanden. Unser Weg hat uns dann maßgeblich in den Bereich interaktives Lernen geführt. Da konnten wir lokal beispielsweise an der IGS Lüneburg ein Projekt umsetzen, sind aber deutschlandweit aktiv und statten Schulen aus. Aktuell in Wiesbaden und Bremen. Das sind digitale Tafelsysteme, vergleichbar etwa mit dem Smart-TV mit Touchscreen, den man von zu Hause kennt. 

Diese Systeme machen die klassische Schulkreide hinfällig, SchülerInnen können mit der passenden weiteren Infrastruktur wie Smartphone, Notebooks oder Tablets auch von zu Hause in den Unterricht eingebunden und aktiv werden. Das ist also sowohl für das Lehrpersonal als auch die SchülerInnen ein sehr umfangreiches Tool, um den Schulalltag neu zu gestalten, man kann darauf malen, schnell Content heraufladen. Also: Die alten Tafeln kommen weg, irgendwann auch die Bücher und stattdessen wird alles mit dieser smarten Technik gesteuert. Schon vor der Krise hatte der Bund dafür 5 Milliarden Euro bereitgestellt. Das Ganze wurde aber nicht schnell genug umgesetzt, weil es doch ein recht umfangreiches Unterfangen ist. Dazu zählt am Ende auch die Schulung im Umgang mit den Geräten und der Software. Wir übernehmen dabei den Aufbau der Medientechnik, haben uns in diesem Bereich inzwischen spezialisiert und können die Schulen ganzheitlich beraten.

Was nehmen Sie aus den vergangenen Monaten mit?

Ich bin mir meiner Verantwortung deutlicher als sonst bewusst und darüber, wie notwendig es ist, flexibel auf Situationen reagieren zu können, klare Gedanken zu fassen und Lösungen zu entwickeln. Wenn das Geschäft von sich aus vor sich hin läuft, reflektiert man das nicht unbedingt. Wenn man aber gezwungen ist, wieder von vorne anzufangen, lernt man, den Fokus neu auszurichten. Es ist aber definitiv schöner, flexibel sein zu können, ohne Not zu empfinden.
Welchen Wunsch haben Sie mit Blick auf die Zukunft?

Ganz klar, dass sich die Situation für die gesamte Kultur- und Tourismusbranche endlich wieder vollständig normalisiert. Und dass wir als Firma wieder so aufgestellt sind, dass wir mit weniger Unsicherheiten zu tun haben. Wir wissen ja nicht, was im Herbst auf uns alle wartet. Gerade auch für die Jugend wünsche ich mir das. Wenn ich meine Kinder betrachte und sehe, wie tapfer sie das alles meistern – da ist ja einer der wichtigsten Lebensabschnitte betroffen. Und vielleicht, wenn das alles wieder im Reinen ist, einfach mal eine Woche Urlaub!

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