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Der perfekte Pitch

von Ute Lühr
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Es ist eine Wissenschaft für sich, den optimalen Schlag zu platzieren, diesen einen Schlag, der physischer Geschicklichkeit und mentaler Konzentration bedarf und dann den Ball so trifft, dass er für die Defense unerreichbar weit aus dem Spielfeld fliegt. Der Schlag, der die Zuschauer begeistert, der den Gegner zu Statisten und den Batter zum Hauptdarsteller macht. Und doch ist die Schlüsselfigur des Spiels eine ganz andere. Baseball.

Ein Volkssport aus den USA

Was in den USA ein Volkssport ist, wird hierzulande kaum wahrgenommen. Zu wenig Plätze, zu komplex, heißt es – obwohl es dem in der Schule beliebten Brennball doch sehr ähnlich ist. Der Deutsche aber schießt lieber auf Tore, macht die meisten anderen Disziplinen dadurch zu Randerscheinungen. Auch die Lüneburg Woodlarks haben damit zu kämpfen. Seit 1989 existiert die Gemeinschaft in der kleinen Hansestadt, hat mittlerweile eine weitläufige Anlage am Wienebütteler Weg bezogen. 

Immo Bergmann, der gemeinsam mit seinem Bruder Heinz die Baseball-Abteilung im MTV Treubund leitet, kann sich an die Anfänge noch gut erinnern: „Drei engagierte und interessierte Sportler um Gründungsmitglied Jens-Dieter Schmidt hatten damals mit dem Spiel aus Amerika, welches ursprünglich aus England kommt, Bekanntschaft gemacht und sich sehr schnell eine Basisausrüstung nach Deutschland geholt.“ Der Startschuss war gefallen.

Training und Punktspiele

Schon ein Jahr später nahm die mittlerweile angewachsene Truppe am offiziellen Punktspielbetrieb teil. „Trainiert und gespielt wurde zunächst auf einem Feld in einer Ecke am Hasenburger Grund“, erzählt der Deutsch Everner, „später dann hinter der Sporthalle des Bundesgrenzschutzes und kurzzeitig auch mal am Grasweg, gehörten wir schließlich damals noch zum VfL.“ Diese Verbindung sollte sich später trennen. Immo Bergmann selbst ist bereits 1990 zur Mannschaft gestoßen: „Ein Freund hat uns von der neuen Sportart erzählt und meine beiden Brüder und mich neugierig gemacht.“ 

Komplexität gepaart mit taktischer Vielfalt

Die drei haben sich einen persönlichen Eindruck verschafft „und sofort Blut geleckt, denn Baseball hat einen ganz besonderen Reiz“. Es sei eben diese Komplexität, gepaart mit taktischer Vielfalt, die die Faszination ausmache. Zudem habe der Sport durch seine Struktur ein einzigartiges Zusammenspiel aus Individual- und Mannschaftssportart: „Da bist Du Teil eines Teams, stehst in mancher Funktion aber als Einzelner im Mittelpunkt, bist Held oder tragische Figur. Das erzeugt eine besondere Spannung, das gibt es sonst so nicht.“

Neun Spieler bilden eine Mannschaft, haben mehrfach wechselnd in der Funktion als „Offense“ das Schlagrecht und können dabei Punkte durch „Runs“ erzielen. Der Gegner ist dabei als „Defense“ in der verteidigenden Rolle und versucht, den Ball unter Kontrolle zu bringen und das Feld zu sichern. „Eine Schlüsselfunktion kommt dem Werfer, dem sogenannten Pitcher zu“, erklärt Immo Bergmann, „wenn der einen guten Tag hat, lässt er dem gegnerischen Schlagmann keine Chance und dessen Team damit auch kaum Aussicht auf Punkte.“

Der Pitcher

Mit den unterschiedlichsten Wurftechniken versucht er, die Bälle für den Batter unerreichbar zu machen. „Der Pitcher ist damit die spezialisierteste Position des Baseball-Spiels“, sagt der Woodlarks-Chef, „und muss normalerweise mindestens einmal pro Begegnung ausgewechselt werden.“ Bis zu 160 Bälle werden während eines Spiels geworfen – das belastet den Arm. Hat der Batter es aber geschafft, den Ball zu schlagen, versuchen seine Mitspieler, gegen den Uhrzeigersinn den nächsten sicheren Standpunkt, die „Base“, zu erreichen. Sollten das Team der Defense den Ball schneller unter Kontrolle bringen, kann es dies verhindern und der Spieler der Offense scheidet aus. Ein sogenannter „Run“ wird erzielt, wenn ein Spieler der angreifenden Mannschaft alle drei Bases passiert und seinen Ausgangsstandpunkt, „Home Plate“, wieder erreicht. 

Eine gute Hand-Auge-Koordination

Bei aller Bewegung ist beim Baseball aber nicht nur Schnelligkeit und Dynamik gefordert, sondern ganz viel Technik und Kopf: „Zum einen kommt es auf eine gute Hand-Auge-Koordination an, zum anderen ist aber auch höchste Konzentration gefordert“, erklärt Immo Bergmann. Denn derjenige, der den Ball letztlich bekommt, sollte schon vorher wissen, was er damit anfangen will.“ Das Einstiegsalter ist dennoch jung: Zwischen fünf und sechs Jahre können die Anfänger sein, sieben bis elf Jahre alt sind die „Schüler“, zwölf bis 15 die „Jugend“ und 16 bis 18 die „Junioren“. Danach kommen Herren- und auch Damenteams, denn der Sport ist keinesfalls eine reine Männerdomäne. „Die Frauen spielen aber nicht Baseball, ihre Variante heißt Softball“, erklärt Immo Bergmann, „der Ball ist größer, das Spielfeld kleiner, und auch sonst gibt es noch einige Unterschiede.“

Nationalmannschaft und höchste Klasse Niedersachsens

Nicht aber in Sachen Erfolg: Sowohl bei den Herren als auch den Damen haben die Woodlarks große Namen hervorgebracht. So haben es Finn Bergmann und auch Alexandra Stüwe bis in die jeweilige Nationalmannschaft geschafft, mussten dafür aber auch kleine Opfer bringen: „Mein Sohn ist nach Paderborn ins Baseball-Internat gegangen, um seine Ziele zu erreichen, Alexandra ist nach Hamburg gewechselt. Ein so hohes Niveau können wir in Lüneburg dann doch nicht bieten.“ Gute Arbeit wird aber auch am Wienebütteler Weg geleistet: Zweimal pro Woche wird in den unterschiedlichen Altersklassen trainiert – an den Wochenenden gegen andere Mannschaften gespielt: In der höchsten Klasse Niedersachsens sind die Herren derzeit am Start. Wenn sie denn dürfen.

Nachwuchsgewinn schwierig

„Corona ist natürlich auch für uns ein großes Thema“, sagt der Woodlarks-Vorsitzende, „ohne Wettkampf fehlt der Anreiz, und trainieren durften wir auch lange nicht. Da bricht auch uns die Basis weg, denn Nachwuchs lässt sich ohne Praxis nicht gewinnen.“ Dabei ist Immo Bergmann aber durchaus bewusst, dass sein Verein trotz der unerfreulichen Lage stets das Optimum für die Sportler herauszuholen versucht, hat der MTV Treubund mit Jörn Lucas doch einen spitzfindigen Geschäftsführer, der die sich ständig ändernden Corona-Verordnungen schnell und immer im Sinne der Aktiven auszulegen gedenkt. 

Lücken der Corona-Verordnung nutzen

Die Vorgehensweise sei dabei komplex, wie dieser erklärt: „Zum einen beobachte ich permanent die politische Diskussion, um zu erkennen, was von der Regierung gewollt ist. Zum anderen vergleiche ich diesen Eindruck dann mit den konkreten Rechtstexten. Wann immer es Änderungen an den Infektionsschutzverordnungen gibt, ist eine Begründung angefügt, die erkennen lässt, was die Politik erwirken möchte, daraus ergibt sich häufig ein System, das ich dann für uns interpretiere“, sagt Jörn Lucas. Sei der Wortlaut der Verordnung nicht präzise, ergäben sich Lücken, die genutzt werden könnten: So konnten Individual-, aber auch Mannschaftssportler mitunter schon früher als in anderen Vereinen wieder in das Training einsteigen. 

Und davon profitierten auch die Baseballer, wie deren Vorsitzender lobend anerkennt. Grundsätzlich sei der MTV Treubund Lüneburg eine gute Heimat für die Schlagballspieler geworden, sagt Immo Bergmann, „denn hier fühlen wir uns seit vier Jahren gut aufgehoben und auch anerkannt, die Vorstellungen des Vereins decken sich mit unseren.“ Weitere Informationen auch zu Mannschaften und Trainingszeiten gibt es unter www.woodlarks.de

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