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Urlaubsfeeling hinterm Zaun

von Ute Lühr
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Der Tag, an dem der Wildpark Lüneburger Heide seine Tore wieder öffnen durfte, war auch für die Tiere von großer Bedeutung: Ihr Urlaub wurde ausgesetzt. Und das abrupt. Doch genauso wie jede Art die vier ruhigen Wintermonate auf ihre Weise genutzt hat, freute sie sich nun wieder über die gesteigerte Aufmerksamkeit der zahlreichen Gäste. Mit ihnen endete die wohl ungewöhnlichste Zeit in der Geschichte des über 50-jährigen Parks. Und das erleichtert auch das Personal.

Plötzlich keine Besucher mehr

Alexandra Urban ist eine davon. Seit mittlerweile 21 Jahren ist die Ashausenerin als Tierpflegerin in Hanstedt tätig, kennt das übliche Verhalten ihrer Schützlinge und deshalb auch das veränderte. Sie hat interessante Beobachtungen gemacht: „Die Tiere haben ganz unterschiedlich auf das Ausbleiben der Besucher reagiert“, sagt sie, „einige Tage nach der Schließung haben sie nichts geändert, dann ist bei einigen aber eine Art Urlaubsgefühl eingetreten. Und das schienen sie dann auch genossen zu haben.“
Ein verlängerter Mittagsschlaf oder ein schleppend startender Morgen: Ohne Aufmerksamkeit tat Eile keine Not. „Einige haben das aber auch vermisst“, erzählt Alexandra Urban, denn gerade jene Arten, die mit den Menschen in direkten Kontakt kommen, seien irritiert gewesen, weil etwas Wichtiges in ihrem sonst gewohnten Alltag fehlte, sie nicht mehr interagieren konnten. „Und das mussten wir dann kompensieren.“

Kraulen, unterhalten und streicheln

Zeit, welche das tierpflegende Personal sparte, um auf Besucherfragen zu reagieren oder deren Bereiche zu säubern, hätten sie nun verstärkt für die Vierbeiner verwendet: „Das betraf besonders die Zwergziegen, das Damwild oder auch die Yaks“, sagt die Fachfrau, „die wollten gekrault, unterhalten und gestreichelt werden. Die hingen mitunter wie Kletten an uns.“ Aber auch anderen Bewohnern wie den Kamtschatkabären fehlte was. Sie waren regelrecht gelangweilt: „Normalerweise sind die den ganzen Tag damit beschäftigt, das Futter zu suchen, das die Besucher ihnen zuwerfen. Das fiel nun weg.“ Auf die faule Haut legten sich die Vierbeiner dennoch nicht: Sie fanden Alternativen. „Natürlich haben wir – wie sonst auch – am Morgen ihre Nahrung versteckt. Nach zwei Stunden war das aber alles gefunden und alle neue Beschäftigungselemente wie Duftspuren abgearbeitet. Sie haben sich Abwechslung gesucht.“

Immer genug zu tun

Stämme wurden bewegt und Löcher gebuddelt – die Bären haben ihr Gehege umgestaltet: „Was ein solcher Koloss an Erde in lediglich zehn Minuten bewegt, erfordert vom Menschen allerdings drei Stunden, um die Arbeit wieder rückgängig zu machen“, sagt Alexandra Urban und lacht, „wir hatten immer genug zu tun.“
Denn auch die gewohnte Routine sei für die Pfleger weitergegangen: „Die Tiere, die keinen Winterschlaf halten, mussten ja versorgt, ihre Gehege gesäubert werden“, sagt die Aushausenerin, „das alles aber unter anderen Bedingungen.“ Würde sie bei ihrer Arbeit normalerweise von den Besuchern beobachtet werden, ihnen Frage und Antwort stehen, sei das doch unter den Tisch gefallen. „Und auch wenn das mitunter schon mal nervt: Wir haben das vermisst.“

Foto: phs

Hygienekonzept weiter verbessert

Mittlerweile ist aber der Alltag wieder eingekehrt. Zumindest nahezu. Seit gut zwei Monaten ist der Wildpark Lüneburger Heide nun wieder geöffnet, hat für seine Besucher das Hygienekonzept aus dem vergangenen Jahr noch weiter verbessert: Nach wie vor können die Gäste das Areal ohne einen Test betreten, müssen in den meisten Teilen der Anlage ihre Maske nicht tragen. Ein computergestütztes Reservierungssystem bietet Zeitfenster für den Eintritt. „Das hat sich sehr bewährt“, sagt Alexandra Urban, „denn so bilden sich keine Schlangen, und keiner muss warten.“ Speisen und Getränke sind im Park zum Mitnehmen zu kaufen, lediglich die Restaurants haben auch weiterhin geschlossen. Vorträge, Fütterungen und die Flugschau finden nicht statt.

Nachwuchs im Anmarsch

„Allerdings müssen die Greifvögel auch weiterhin trainiert werden“, sagt Alexandra Urban, weshalb die Tiere auch beim Fliegen zu beobachten sind. „Feste Zeiten gibt es dafür aber nicht“, sagt sie, „das entscheiden die Falkner je nach Lage und eigenem Ermessen, stehen dann aber auch für Fragen bereit.“ Bereit steht auch der Park – seinen Besuchern zur besten Jahreszeit, wie die Fachfrau meint: „Denn jetzt explodiert nicht nur die Natur rund herum, werden die Bäume grün und die Blumen bunt, jetzt kommt auch der Nachwuchs zur Welt.“ Denn dem Lauf der Dinge konnte Corona keinen Strich durch die Rechnung machen: „Die Tiere sind ihrem normalen Lebensrhythmus gefolgt und haben sich mit Spaß fortgepflanzt.“

Foto: phs

Schöne Momente mit den Tieren

Spaß haben nun auch Gäste und Mitarbeiter: „Das ist einfach süß mit den Jungtieren“, sagt Alexandra Urban, „auch nach 21 Jahren noch. Das macht uns einfach stolz, wenn wir sehen, wie sich die Menschen darüber freuen, wenn sie die schönen Momente mit den Tieren so genießen können wie wir.“
Und zu genießen gibt es im Wildpark jede Menge: Neben mehr als 1.200 tierischen Bewohnern aus 140 Tierarten auch anregende Nächte im angrenzenden Schäferdorf: Sechs Wagen und acht Appartements bilden nicht nur einen idealen Ausgangspunkt für Erkundungen in der Umgebung, sie bieten auch spannende akustische Einblicke in das tierische Verhalten nach Sonnenuntergang. Ihre Anzahl soll bald noch erweitert werden.

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