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Zwölf Uhr middachs

von Julia Drewes

Die Ruhe vor dem Showdown wird im Western gerne mit einem Steppenroller unterstrichen. Nur das Pfeifen des Windes ist zu hören, wenn er das kugelförmige Gebilde aus Ästen und Gras über den Boden treibt. Die Kamera fängt angespannte Blicke ein. Hände streichen über die in den Holstern hängenden Colts. Gleich schlägt es 12 Uhr. High Noon.
Alle vier Wochen herrscht im AMPHIRE-Studio im Lüneburger Norden eine vergleichbare Atmosphäre, wenn kurz vor der Mittagsstunde die nötigen letzten Vorkehrungen getroffen werden für eine neue Folge „Sonntagsperlen“. Funktionieren die Mikros? Sitzt die Anmoderation? Blicke werden ausgetauscht, um sich beim Gegenüber zu versichern, dass alles ist, wie es sein soll. Schweigen. Konzentration. Die Klappe fällt. Scharf geschossen jedoch wird ab jetzt nur mit norddeutschem Charme und Wortwitz.

Krisen-TV live

Ein- bis eineinhalb Stunden sendet das rund zehnköpfige Team dann Krisen-TV live – im besten Sinne, denn an der Entstehung des Formats trägt die Pandemie entscheidenden Anteil. „Wir zeigen Ärmelhochkrempler, Menschen, die nach vorne schauen, Menschen mit Mutausbrüchen, die in dieser problematischen Zeit etwas Tolles auf die Beine stellen. Und wir geben Musikern eine Bühne, die ja ansonsten aktuell keine Gelegenheit dazu haben, zu spielen“, so Antje Blumenbach, Moderatorin der Show und einer der kreativen Köpfe dahinter. 

Mit „wir“ meint sie die Triebfedern des Ganzen, Co-Moderatorin Lea Dietrichs, die während der laufenden Sendung die Sozialen Medien im Blick behält und die Interaktion betreut, und Simone von Walcke-Schuldt, die den dramaturgischen Ablauf aus dem Hintergrund steuert. Und sie meint die Crew der AMPHIRE GmbH, die alles perfekt in Szene gesetzt auf die Endgeräte des Publikums bringt. Dazu zählen Nils von Walcke-Schuldt, Mirko Heil-von Limburg, Jonas Volkmann und viele weitere helfende Technikerhände und -köpfe.

Ins Gespräch kommen

Das Grundprinzip der Sonntagsperlen ist dabei nicht neu. In ihrem Lüneburger Wein-Concept-Store „Provinzperle“ veranstaltet Antje Blumenbach unter diesem Motto seit 2019 regelmäßig Treffen, um mit ihren Gästen ins Gespräch zu kommen, über das Leben, Literatur, Kunst. Doch Corona verhinderte den Fortbestand der beliebten Events. Wie die Mutwilligen, die sie heute in der eigenen Show vorstellt, ließ auch die alleinerziehende Mutter von drei Kindern vor gut einem Jahr keinen Stein unumgedreht, um eine Lösung zu finden – um präsent zu bleiben, den Kontakt zu Gästen und Kunden zu halten und nicht zuletzt auch, um die Lücke zu schließen, die das von heute auf morgen wegbrechende Geschäft entstehen ließ.

40.000 Viewer aus Stadt und Land

„Die Idee, das Format dann live zu fahren, war eher halb ernst gemeint“, sagt Blumenbach. Als gelernte Hotelfachfrau sei sie es gewohnt gewesen, vor Gästen und Kunden zu sprechen. „Aber als ich merkte, dass ich mit diesem Ansatz bei den anderen offene Türen einrenne, war mein erster Impuls ‚Hilfe – kann das funktionieren? Lea hat sich dann zum Glück durchgesetzt.‘“ 

Wie gut es geht, zeigt nicht nur die Resonanz auf Zuschauerseite. Zwölf Folgen sind inzwischen abgedreht und nach der Live-Übertragung auch als Abrufvideo zugänglich. Was anfangs für einen kleinen Kreis gedacht war, erreicht inzwischen mehr als 40.000 Viewer in Stadt und Land und darüber hinaus. „Ich sehe, dass hier Kontakte entstehen, Menschen, die sich bei uns kennengelernt haben, unterstützen sich jetzt gegenseitig, auf welche Art auch immer“, sagt Blumenbach. „Das macht mich richtig froh und spornt mich an, weiterzumachen.“

Bühne für lokale MusikerInnen

Dass das heutige Studio in der AMPHIRE-Lagerhalle im März 2020 gerade als provisorische Bühne für lokale MusikerInnen aus dem Boden gestampft wurde, um ihnen in der schwierigen Zeit eine Plattform zu bieten, erwies sich als Glücksfall. Die ersten Bands hatten auf der AMPHIRE ONline STAGE schon ihr Konzert gespielt – die technischen Voraussetzungen waren also gegeben, um auch mit einem Live-Talk-Format wie den Sonntagsperlen ein Experiment zu starten. „Mal ganz abgesehen von dem Spaß, den das alles macht, muss ich auch ehrlich zugeben: Man wird nicht dümmer dadurch!“, sagt Nils von Walcke-Schuldt, einer der drei AMPHIRE-Geschäftsführer.

Live-Talk gute Schule

 „Wir sind von Haus aus Veranstaltungstechnikdienstleister und da passiert bei uns aktuell abgesehen von Konferenztechnik nicht viel.“ Geld verdiene das Team derzeit mit Smart-Home-Installationen oder Elektroinstallationen im Trockenbau, dieses Standbein sei glücklicherweise schon vor der Pandemie geschaffen worden, so der 41-Jährige. Für die Lehrlinge sieht er das Live-Talk-Konzept daher als gute Schule während der Freizeit. „Alle Beteiligten können in ihrem klassischen Beruf aktuell kaum bis gar nicht aktiv werden. Deshalb betrachten wir das hier alle als Herausforderung, alle haben total Bock drauf, in diesem für sie neuen Produktionsprozess dazuzulernen und besser zu werden.“

Kein daily business

Denn obwohl es sein Metier mit sich bringe, als Service-Dienstleister Live-Musik technisch zu begleiten und Videoproduktionen zu erstellen, sei so ein Format wie die Sonntagsperlen eben kein daily business. „Hier lässt sich nicht schnell ein versehentlich geäußertes Wort herausschneiden, alles muss präzise koordiniert sein, wann gesprochen wird, wann ein Einspieler kommt, wann die Musik einsetzt, das muss passen.“ Nicht nur für die Perlen-Crew sei das aufregend, auch viele Gäste hätten Respekt davor, unmittelbar gesendet zu werden. Aber das mache den Charme des Formats aus, da sind sich beide einig.

Vorstellung der OberbürgermeisterkandidatInnen

Dass auch auf Seiten der Moderatorin nach zwölf Folgen noch Lampenfieber und Anspannung herrschen, ist Antje Blumenbach nicht anzumerken. Was kommt, kommt locker aus der Hüfte. Was nicht im Skript steht, moderiert sie souverän. Diese, wie sie selbst sagt, „ehrliche Herangehensweise“ hilft ihr auch aktuell bei der Vorstellung der OberbürgermeisterkandidatInnen. Pia Steinrücke (SPD), Monika Scherf (CDU), Claudia Kalisch (Die Grünen) und Heiko Meyer (parteilos) haben sich ihren Fragen bereits gestellt. Am 20. Juni folgt mit Michèl Pauly (Die Linke) der letzte Wahl-Kandidat, bevor die Showrunner dann am 8. August gemeinsam mit LZ-Chefredakteur Marc Rath zur Elefantenrunde laden – für Blumenbach ein aufregendes Ereignis. „Darauf freue ich mich riesig, aber ich bin auch heilfroh, da nicht ganz alleine durch zu müssen.“

Kategorie Herzensprojekte

Um auszurechnen, wie viel Zeit am Ende in die Produktion einer Folge einfließt, brauchen Blumenbach und von Walcke-Schuldt beide Hände. Der Tag der Show startet für alle um neun Uhr morgens im Studio, dann wird die Bühne bereit gemacht, werden Möbel hin und her gefahren, Kameras müssen eingestellt und sämtliche anderen technischen Anforderungen geklärt und umgesetzt werden. Außendrehs werden Tage zuvor produziert, das ist umfangreich und aufwendig. Finanziell trage sich das nicht, so von Walcke-Schuldt: „Die Zeit bezahlt niemand und das andere packen wir selber drauf. Sponsoren sind natürlich immer willkommen, aber für uns läuft das unter der Überschrift ‚Herzensprojekte‘.“ Beide sind deshalb sicher: Das Format kann die Pandemie überdauern. „So lange die Menschen uns sehen wollen, und wir uns das Ganze zeitlich leisten können, machen wir weiter“, kündigt Antje Blumenbach an.

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Live oder VoD

Die nächste Folge „Sonntagsperlen“ läuft am 20. Juni auf den Facebook- und YouTube-Kanälen der Provinzperle und der AMPHIRE GmbH und ist anschließend als Video-on-Demand auf allen vier Plattformen abrufbar
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