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Ich bin pretty relaxed

von Hans-Martin Koch
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Oldenstadt, das ist der Teil, in dem Uelzen alt und schön ist. Im Aushang des FC steht, dass er ein frohes neues Jahr wünscht, und beim Kaufmannsladen hängt ein Schild, demzufolge das Betreten auf eigene Gefahr erfolgt. Ein paar Schritte weiter in einem halb verwilderten Garten döst Craig Ashton auf einer Holzliege in der Sonne. „Oh, hallo“. Er schiebt die Sonnenbrille auf die Stirn, schält sich aus der Liege und streckt die Hand zum Gruß. Upps, Handgeben, ist das wieder erlaubt? – Nu’ ist’s passiert. Craig Ashton ist da locker, das ist er sowieso. Er künstlert und hat seine „Opfergabe“ in den Garten gestellt, bevor sie zum Kloster Medingen umzieht.

Absolut entstresst

Seit acht Jahren lebt Craig Ashton in Deutschland. Die Liebe trieb ihn aus Australien über London in den Kreis Uelzen. Die Liebe kommt, die Liebe geht. Ashton bleibt. „Der Platz hier ist ruhig, ich bin calm, entstresst. Früher, da lebte ich in Sydney, ganz central und laut und teuer“, sagt er, und immer rutschen ihm das Deutsche und das Englische ineinander. Er hat Installateur gelernt, verdient sein Geld als Gebäudereiniger und betreibt „selfgelernte Kunst“. Sie ist nun wieder Teil der Kulturstation Bad Bevensen. Deren Projekt für 2021 heißt „[Schützen, das]“ und führt zum Kloster Medingen.

Kunst als Therapie

Ashtons Jeans sieht schwer nach Arbeit aus, nach malen, schweißen und schrauben. Da kennt er sich aus. Sein Handwerk dient seiner Kunst. Wiederholt setzte er Ideen für Landart-Projekte der Kulturstationen um. Er baute eine Therapie-Bank, die ein Spiegel teilt, sodass man neben sich selbst sitzt. Für das Projekt „Häutungen“ stellte er eine schrabbelige Badewanne auf. Er griff zur Schere, schnippelte schnipp-schnapp seine lange Mähne weg, formte mit den gesammelten Haaren das Wort „shame“ und legte es in die Wanne. Ein „Akt des Ablösens“ sei es gewesen, ein „ganz emotionales Projekt für mich“ – und: „Meine Kunst ist manchmal eine therapy für mich.“

Warmwasserspeicher als Kunstobjekt

Ashtons Kunst blickt hinter Ashtons Fassade, die sagt: „Ich bin pretty relaxed“. Das ist er nicht nur, das ist nur ein Teil von ihm. Mit der „Opfergabe“ ist das auch so ein doppelt und dreifach’ Ding. Ashton nutzte sein technisches Know-how, schnitt einen alten mannshohen Warmwasserspeicher auf, dessen Hülle sich jetzt wie ein offener Mantel um das Innenleben legt. Die Heizspirale hat er weiß gestrichen, und jetzt wird’s kurz physikalisch. Zu so einem Warmwasserbereiter nämlich gehört eine sogenannte Opferanode aus einem elektrochemisch unedlen Material, das sich mit der Zeit auflöst und das edlere Metall vor Korrosion schützt. Ashton hat die rostige Opferanode in Form eines Kreuzes in den Speicherbehälter gesetzt, womit er so originell wie deutlich Bezüge zu „[Schützen, das]“ und zum Kloster gefunden hat. Erst die Idee, dann das Material, sagt er und: „Kunst kommt naturally, ich kann das nicht erklären.“

Foto: nh/oc

Oldenstadt und die Kunst

Craig Ashton lebt in Uelzen. Dort malt er auch. Aber Objekte für LandArt reizen ihn weit mehr. Für sie braucht er Platz. Die „Opfergabe“ hat er bei der Lehrerin und Künstlerin Astrid Teske in Oldenstadt gebaut. Sie haben dort Hof und Garten. Oldenstadt ist ohnehin ein guter Platz für die Kunst. Uelzens Bund Bildender Künstler betreibt dort eine Galerie. In der herrscht zurzeit allerdings Corona-Ruhe. Über Oldenstadt und die Kunst lässt sich dann noch etwas erzählen: Aus dem Ort stammt Gisela Boeckh von Tzschoppe. Die vor 40 Jahren gestorbene Künstlerin zählt zur ersten Generation von Frauen, die sich als Bildhauerinnen behaupteten. Das Thema „Schutz“ spielte bei ihr eine große Rolle. So schließt sich der Kreis zum aktuellen „[Schützen, das]“-Projekt.

Craig Ashton hat sich derweil auf einen wackeligen Stuhl gesetzt. Linke Hand Kaffee, rechte Wasser. Er muss nochmal etwas ran an seine „Opfergabe“. Immer mit der Ruhe. „Mit dem Datum und so, das ist so eine Sache, ich bin immer etwas spät, aber immer da“, sagt er und lacht über sich selbst. „Pretty relaxed“, der Mann.

Kunst am Kloster

ist ein mehrwöchiges Projekt des Vereins Kulturstation Bad Bevensen unter dem Motto „[Schützen, das]“. Fragen, die gerade in Zeiten der Pandemie relevant sind, stehen im Zentrum. Etwa: Was zählt wirklich? Was ist wert, dass wir es schützen? Der Verein um seine Vorsitzende Katja Schaefer-Andrae bereichert die Region seit 1977 mit Kunstprojekten, die immer weit über das Ausstellen hinausgehen, die Kunst und Soziokultur verbinden. Das war zum Beispiel 2018 bei „Kunst am BAUer“ so und 2019 beim leerstehenden „Deutschen Haus“, das für zwei Monate in ein Kulturzentrum verwandelt wurde. Der alte, wuchernde Pfarrgarten des Klosters Medingen dient nun als wachsendes Freiluft-Domizil. Das Projekt „[Schützen, das]“ läuft noch bis zum 18. Juli. Beteiligt sind neben vielen anderen Petra Vollmer, Frank Nordiek, Andrea Stopford, Ulrike Bals, Uschi Schwierske, Jochen Quast und Volker Einhorn. Das detaillierte Programm gibt es unter www.kultur-station.de im Internet.

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