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Im Dialog

von Melanie Jepsen
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Klischees und verklärten Bildern der Landwirtschaft begegnet Johanna Pröhl immer wieder. Die 30-Jährige weiß, wovon sie spricht. Denn sie ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen. Frauenpower in der Landwirtschaft, das ist für die Deutsch Evernerin nichts Außergewöhnliches mehr. Bundesweit sind rund ein Drittel aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft Frauen, jedoch nur jeder neunte Betrieb wird von einer Frau geführt. Das ergab die Landwirtschaftszählung 2020 des statistischen Bundesamtes. Oft wird ihre Rolle noch unterschätzt. Längst sind sie erfolgreiche Unternehmerinnen, die kreative Ideen und innovative Konzepte entwickeln. Doch welchen Problemen begegnen sie? Wie steht es um ihre soziale Absicherung? Welche Wünsche haben sie? 

Frauenpower in der Landwirtschaft

Eine aktuell groß angelegte Studie, finanziert durch das Bundeslandwirtschaftsministerium, soll die Lebens- und Arbeitssituation der Frauen in der Landwirtschaft transparent machen. Bislang gibt es keine Statistik, die sich damit befasst. Das soll sich ändern. Für Johanna Pröhl liegt die Faszination für die Landwirtschaft auf der Hand: „Was mich schon immer begeistert hat, ist zu sehen, wie Pflanzen wachsen.“ Aus einem kleinen Saatkorn werde in wenigen Wochen etwas, das man ernten kann, sagt die junge Frau. Schon als Kind half sie ihrer Familie auf dem elterlichen Hof, auf dem sie heute gemeinsam mit ihnen arbeitet und neben dem Dorfladen in Echem den hauseigenen Hofladen managt.

Betriebe quer durchs Land kennenlernen

2011 wurde er eröffnet. „Da kam bei mir so richtig das Interesse, das beruflich zu machen“, meint Johanna Pröhl. Nach ihrem Abitur absolvierte sie zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer psychiatrischen Klinik. Eine wertvolle Erfahrung, wie Johanna Pröhl zurückblickend sagt. Danach studierte sie in Kiel Agrarwissenschaften und machte dort auch ihren Masterabschluss. Ihre damaligen Kommilitonen kamen wie sie alle aus einem Betrieb. „Das war ein großes Glück für mich“, sagt sie. Denn dadurch lernte die Deutsch Evernerin verschiedene landwirtschaftliche Betriebe quer durch das Land kennen. Die Begeisterung wuchs immer mehr. An den Wochenenden und in den Semesterferien arbeitete Johanna Pröhl während ihres Studiums auf dem elterlichen Hof. Im Baltikum und der Slowakei machte sie sich mit den Abläufen von Großbetrieben vertraut.

 

Foto: nh/tonwert21.de

Arbeit für den ganzen Tag

Vier Generationen leben auf dem Hof in Deutsch Evern. Johanna Pröhl pendelt unter der Woche zwischen der Lüneburger Heide und Schleswig Holstein. Dort lebt ihr Freund, der selbst Landwirt ist. Was es bedeutet, sich für einen Job in der Landwirtschaft zu entscheiden, sei längst nicht jedem bewusst, weiß Johanna Pröhl aus eigener Erfahrung. Schon in der Schule hätten ihre Mitschüler ein anderes Verständnis gehabt: „Ich glaube für Menschen, die gar keine Berührungspunkte mit Landwirtschaft haben, ist es schwierig nachzuvollziehen, dass es hier kein Job ist, wo ich um 8 Uhr hingehe und um 16 Uhr nach Hause.“ Arbeit und Beruf ließen sich auf dem Hof nicht trennen, verdeutlicht die 30-Jährige. „Die Arbeit fällt den ganzen Tag an. Wir stehen mit Herzblut dahinter. Denn es ist nicht nur Geld, das wir damit verdienen, sondern wir machen es auch für die nächste Generation.“ 

Als Botschafterin mit Klischees aufräumen

Genau deshalb möchte Johanna Pröhl Aufklärungsarbeit leisten und den Dialog mit den Menschen suchen. Ehrenamtlich ist sie als Agrarscout für das Forum Moderne Landwirtschaft im Einsatz, um als Botschafterin der modernen Landwirtschaft mit Klischees aufzuräumen. Bundesweit gibt es mehr als 650 Agrarscouts. Insgesamt 60 Organisationen, Unternehmen und Verbände haben sich im Forum Moderne Landwirtschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam möchten sie die Landwirtschaft erlebbar machen und den Dialog mit Verbrauchern, Politik und Medien suchen. 2019 besuchte Johanna Pröhl als Agrarscout zum ersten Mal die Internationale Grüne Woche in Berlin. Auch auf Events in Kiel, Rendsburg, Braunschweig informierte sie über die Landwirtschaft. 

Kontakte knüpfen

„Man lernt viele nette Menschen kennen, auch aus anderen Bereichen der Landwirtschaft“, freut sich die Bäuerin. Über eine Fachzeitschrift war sie damals auf die Agrarscouts aufmerksam geworden. Kurze Zeit später kam die Zusage. Regelmäßig besucht Johanna Pröhl Schulungen, tauscht sich mit anderen Landwirten aus. Die Vermittlung zu den Events läuft ganz einfach. Über eine WhatsApp-Gruppe wird gefragt, wer Zeit und Lust hat. Angesprochen wird Johanna Pröhl bei ihren Einsätzen auf die unterschiedlichsten Themen. Von Umweltverschmutzung über Bienensterben bis Glyphosat ist alles dabei. Doch die Konfrontation scheut die junge Frau nicht. Im Gegenteil. 

Soziale Medien haben wichtige Rolle

Sie möchte Transparenz schaffen. „Viele haben gar nicht die Möglichkeit, sich richtig darüber zu informieren. Ein Tag auf dem Hof reicht nicht. Dafür ist unser Beruf viel zu vielseitig.“ Auch in den Medien würden immer wieder falsche Bilder gezeigt, die nicht zum Thema passen. Selbst Kinderbücher seien meist veraltet: „Das Bild vom Bauern mit Gummistiefel ist einfach nicht mehr zeitgemäß.“ Umso mehr sei Aufklärungsarbeit gefragt, sich Zeit zu nehmen und transparent die Arbeit zu erklären. Eine wichtige Rolle spielen hier auch die sozialen Medien, meint Johanna Pröhl. „Mittlerweile gibt es super viele Agrarblogger, die richtig gute Aufklärungsarbeit leisten und ganz transparent ihren Tagesablauf zeigen. Es gibt null Tabuthemen.“ Auch öffentliche Angebote wie der Tag des offenen Hofes seien eine gute Möglichkeit, vor Ort persönliche Eindrücke zu gewinnen. 

Treffen auf dem Kartoffelfeld

„Das, was wir machen, passiert ja nicht alles in der Öffentlichkeit“, verweist sie auf die Komplexität der landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Vieles sei für Außenstehende einfach nicht offensichtlich. Wenn Johanna Pröhl nicht gerade den Hofladen schmeißt, muss sie im Büro Papierkram erledigen oder auf dem Feld die Bestände prüfen. Gibt es Sortenunterschiede? Oder Unterschiede in der Pflege? Das alles seien Aspekte, die sie bei ihrer Arbeit beachten müsse. Regelmäßig trifft sich Johanna Pröhl mit ihrer Studiengruppe auf dem Kartoffelfeld. Dieser Austausch habe ihr während der Corona-Pandemie gefehlt. Ihr Einsatz als Agrarscout lag brach, Schulungen des Forums Moderne Landwirtschaft wurden online abgehalten. „Durch den Hofladen hatte ich das Glück, dass ich Kundenkontakt halten konnte“, blickt sie auf die vergangenen Monate zurück.

Ständige Weiterentwicklung 

Wer sich heute in der Landwirtschaft behaupten will, müsse bereit sein, sich weiterzuentwickeln, ist Johanna Pröhl überzeugt. „Die Forschung schreitet voran, es gibt immer neue Erkenntnisse“, sagt sie. „Das Altbewährte funktioniert nicht mehr, da muss man weiterdenken.“ Ihre Familie stieg vor mehr als 15 Jahren von Schweinehaltung auf Gemüseanbau um. Ihr Konzept funktioniert. „Unser Betrieb entwickelt sich ständig weiter, unsere Produkte im Hofladen wechseln. Man probiert immer wieder etwas anderes aus.“ Viele ihrer ehemaligen Kommilitonen hätten super Ideen, aber man müsse es auch vermarkten können, beschreibt sie eine grundsätzliche Herausforderung ihres Berufsalltags. 

Eigener Hofladen

Wurden früher die Erzeugnisse zum Landhändler gefahren, gebe es heute so viele Möglichkeiten, die Produkte zu vermarkten. „Es ist einfach vielfältiger geworden“, beobachten sie und ihre Familie. Die größte Entwicklung auf ihrem Hof sei 2011 die Eröffnung des Hofladens gewesen, meint Johanna Pröhl. „Der Weg in die Direktvermarktung war für uns ein großer, zukunftsweisender Schritt. Wir wollten raus aus dieser kompletten Abhängigkeit der landwirtschaftlichen Erzeugung und Vermarktung an Landhändler. Wir wollten direkt an den Kunden heran und unsere Produkte anders machen, als im Supermarkt.“ So setzt die Familie neben ihrem selbst angebauten Gemüse auf Hausmannskost nach alten Rezepten, die sie auch in ihrem Hofcafé serviert.

Landwirtschaft wertschätzen

Mit Blick auf die nahe Zukunft hofft Johanna Pröhl, dass sich die Corona-Situation weiter stabilisiert. Langfristig wünscht sie sich eine Verbessserung der politischen Rahmenbedingungen für die Landwirte. „Es werden Gesetze verabschiedet, die nicht immer praxistauglich sind“, kritisiert die Deutsch Evernerin. Hier müsse sich etwas zugunsten der Landwirte ändern. Die Bedeutung, die der Landwirtschaft zukommt und sie wertzuschätzen, versucht die junge Mutter auch ihrem Sohn zu vermitteln. Aber auch die allgemeine Toleranz für ihre Arbeit ist Johanna Pröhl wichtig: „Wenn Menschen regionale Produkte haben wollen, müssen sie auch zulassen, dass sie direkt vor der Tür produziert werden.“

Foto: nh/tonwert21.de
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