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Was macht der Bauer da?

von Julia Drewes
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Es schaukelt oben auf dem Deutz, wenn Landwirt Lars Joachim Bulwan mit „der alten Möhre“ über den Acker fährt. Ein Stoßdämpfer unter seinem Sitz gleicht den unebenen Boden aus. Das freut Kopf und Rücken. Der Mais am Feldweg Richtung Ellringen kann um diese Zeit des Fruchtstands noch eine Düngung vertragen. Darum gibt es für die Triebe jetzt einen reichhaltigen Algen-Cocktail.

Hoch und runter

21 Meter Gestänge wippen zu diesem Zweck hinter dem Trecker auf und ab. Etwas surreal sieht es schon aus, wenn das imposante Pflanzschutzgerät wie ein stählerner Vogel mit seinen Schwingen über den Boden gleitet und das Feld in einen feinen Dunst hüllt. Durch die Anhängerkupplung ist die „Spritze“ mit dem Trecker verbunden und zerstäubt mithilfe zahlreicher kleiner Düsen eine nahrhafte Flüssigkeit gleichmäßig über die jungen Mais-Pflanzen. Gemächlich zieht Bulwan mit dem Gespann seine Bahnen auf dem etwa 5 Hektar umfassenden Acker. Hoch und runter. Und wieder hoch. Bis auch die letzte Maisstaude ihre Dünge-Dusche bekommen hat.

Ursprung der Ernährung

Die Arbeit, die für den 40-Jährigen zum Alltag im bäuerlichen Kalenderjahr gehört, ist dem Laien und Verbraucher fremd bis gleichgültig: Acker und Trecker gehören im ländlichen Raum zum gewohnten Bild und obwohl unsere Ernährung hier ihren Ursprung hat, falle das Interesse an Entstehungsprozessen mager aus, findet der Landwirt. Gemeinsam mit seiner Frau Anja will Lars Bulwan daran etwas ändern. „Was macht der Bauer da?“ heißt ihre Sendereihe auf Facebook und Instagram, mit der die zwei seit vergangenem Sommer Aufklärungsarbeit leisten.

Erklärungsarbeit per Smartphone

Ortswechsel. Ein paar Felder weiter wächst und gedeiht die Erbse so wie erhofft in Richtung Sonne. Die Zeit ist reif, den Followern die Idee dahinter zu erklären. Das Paar sucht sich inmitten des krausen Grüns ein Plätzchen, um über das Projekt „Erbse“ zu sprechen. „Wir haben es hier mit einer spannenden Kultur zu tun“, sagt Bulwan in die Smartphone-Kamera, die ihm seine Frau vor das Gesicht hält und von dem aus der Clip später bei Facebook und Instagram hochgeladen wird. „Die Pflanze wurzelt tief und gibt gute organische Rückstände für die Folgekultur weiter.“ Warum es aus landwirtschaftlicher Sicht sinnvoll ist, sogenannte Zwischenfrüchte anzubauen, haben die Follower bereits an anderer Stelle von den Bulwans erfahren. Da geht es um die Konservierung des Nährstoffhaushalts im Boden, Schutz vor Winderosion und die Gewinnung wertvollen Humus’, also durch die Äktivität von Bodenorganismen angereicherte und damit fruchtbare Erde.

Die Erbse als Fleischersatzprodukt 

Er experimentiere da gerne mit Neuem, um sich mit Produktionsverfahren auseinanderzusetzen, erzählt der Landwirt. „Die Erbse spielt auf unserem Markt bislang keine Rolle, aber mit Blick auf die Humanernährung im Bereich der Fleischersatzprodukte, tut sich schon etwas.“ Oder eben als Eiweißfutterpflanze für die Tiere, so Lars Bulwan. „Aber da müsste die Politik erst mal den Hebel ansetzen und Sojaimporte besteuern, ansonsten ist das für uns Landwirte kein Projekt mit Perspektive.“ Hier in Groß Sommerbeck scheint es der Hülsenfrucht jedenfalls zu gefallen. Die beschauliche Gemeinde in der Ostheide kurz vor Dahlenburg ist von einem eindrucksvollen Buchenhain von der B 216 abgeschirmt und auch in die andere Richtung von viel ruhigem Tannen- und Wiesen-Grün umgeben.

Mein Vater hatte mich schon früh darauf vorbereitet, dass die Landwirtschaft durch Auflagen seitens der Politik immer perspektivloser wird und dass die Schere zwischen Erzeuger und Verbraucher immer weiter auseinander klafft.
Lars Bulwan, Landwirt

Lars Bulwan, Jahrgang 1981, ist auch hier aufgewachsen, hat den elterlichen Hof vor 13 Jahren von seinem Vater übernommen, als dieser nach schwerer Krankheit starb. Das alles kam plötzlich, sagt er, entsprechend kalt sei das Wasser gewesen, in das er gestoßen wurde. „Mein Vater hatte mich schon früh darauf vorbereitet, dass die Landwirtschaft durch Auflagen seitens der Politik immer perspektivloser wird und dass die Schere zwischen Erzeuger und Verbraucher immer weiter auseinander klafft“, erzählt er rückblickend. „Obwohl ich hier schon als Kind viel und gerne geholfen habe, war es für mich erst undenkbar, selbst in der Verantwortung zu stehen. Ich musste mich nach der Schule erst mal woanders ausprobieren. Bauer zu sein, schien mir ehrlich gesagt nicht attraktiv genug.“

Verbundenheit zur Natur

Das war das Studium der Wirtschaftsinformatik schließlich aber auch nicht. Die Gewissheit, mit der Natur auch beruflich verbunden zu bleiben und sich mit dem Trecker über den Dingen bewegen zu dürfen, holte ihn zurück. Um ein verlässliches Einkommen zu generieren, landete die Viehwirtschaft am Nagel, stattdessen setzte er mit dem Anbau von Kartoffeln ein – Speisekartoffeln wurden an Großhändler oder Genossenschaften geliefert, Stärkekartoffeln an die Stärkefabrik. So war der Grunderwerb vorerst gesichert. Inzwischen ergänzen Zuckerrüben Bulwans Ackerbau, ebenso Mais und sämtliche Getreidesorten. Damit bewirtschaftet er das Areal des elterlichen Hofs und heute auch das der Schwiegereltern. Zusammen ergeben sich rund 200 Hektar. Was das für ihn bedeutet, ist komplex. Da geht es über die Herstellung pflanzlicher Erzeugnisse hinaus, hinzu kommen viel Bürokratie, viel Buchführung, viel Mathematik.

Die Multi-Kulti-Kuhherde

„Wäre dieser Hof in Bayern, würde man von einer respektablen Größe sprechen können. Im Osten hingegen wäre ich ein landwirtschaftlicher Zwerg“, meint der Sommerbecker. „Hier in Niedersachsen gehöre ich wohl zu den mittelgroßen Betrieben.“ Um mehr Bewusstsein zu schaffen und auch, um den Brückenschlag zu wagen zwischen Traditionsgewerbe und Moderne, bringt Lars Bulwan seinen Followern die regulären Strukturen der landwirtschaftlichen Arbeit alle paar Wochen in bewegten Bildern näher. Da spricht er dann über Düngemethoden und den Bauernschreck „Mutterkorn“, stellt in Doc Martens-Boots und Feine-Sahne-Fischfilet-Shirt seine „Multi-Kulti-Kuhherde“ vor: Charolais, Schwarzbunte, Limousin – per Stream erfahren die ZuschauerInnen, wie sich Milch- und Fleischrassen unterscheiden und an welchen Merkmalen die Unterschiede erkennbar sind. 

Sendung mit der Maus mal anders

Auch „Alex“ bekommt da ihre Minute im Rampenlicht, eine Milchkuh, die ihren Namen dem Charakter Alexander DeLarge aus Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ zu verdanken hat, wo das Tier doch ebenfalls dessen typischen schwarzen Wimpernkranz ums Auge trägt. „Und die ist auch so‘n bisschen psycho drauf“, erklärt Bulwan, der sich dank seiner bodenständigen Art und dem norddeutsch-nüchternen Schnack sowohl in natura als auch den Clips auf Augenhöhe mit seinem Gegenüber bewegt, ohne, dass ein belehrender Beigeschmack bleibt. Am Ende erinnert das Konzept ein wenig an die „Sendung mit der Maus“ – ist aber mit dem Lars und richtet sich eher an Erwachsene.

Möglichkeit zur Interaktion

Dass in der Kürze der Zeit manchmal Informationen auf der Strecke bleiben, fängt die Möglichkeit zur Interaktion, die das Medium mit sich bringt, wieder auf, meint Bulwan. Das Publikum ist eingeladen, Kommentare unter dem Post hinzuzufügen und dort miteinander in den Diskurs zu treten. So macht es auch Follower Pascal, dem Bulwans Informationen zum Konservierungs-Prozess von Grassilage, bei dem Glucose zu Milchsäure umgewandelt wird, ein bisschen zu dünn erscheinen und ein paar Details zum besseren Verständnis ergänzt wissen will. „Ich bin niemandem böse, wenn er dem Thema mehr Tiefgang verleihen möchte“, so der Sommerbecker. „Ich sehe Dingen generell gerne beim Wachsen zu. Das gilt für den Acker genauso wie für das Experiment Social Media.“

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