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Auf der Pirsch

von Ute Lühr
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Jagen. Allein der Begriff ruft die unterschiedlichsten Assoziationen hervor. Verbinden ihn die einen mit Horden alternder, in Loden gekleideter Männer, die aus purer Lust am Töten dem Wild nachstellen, sehen die anderen moderne Naturschützer vor sich, die durch ihr Hobby Wald und Feld vor Schaden bewahren: Im selben Zuge, in dem sich die Menschheit mit ihrem Blick auf die Umwelt wandelt, ändert sich allmählich auch das Image dieser des Homo Sapiens doch ursprünglichsten Tätigkeit. Christian Lichtenstein kann das bezeugen.

Lust am Töten oder Hobby?

Vor nunmehr drei Jahren hat der heute 20-Jährige den Jugendjagdschein erworben, geht seit der Volljährigkeit auch allein auf die Pirsch. „Das Hobby zieht immer mehr besonders jüngere Leute in seinen Bann“, hat der Lüneburger beobachtet, „darunter auch verstärkt Frauen.“ Die öffentliche Sicht auf die Jagd habe sich im Laufe der Zeit doch kontinuierlich geändert, was zunehmend auch kommuniziert wird: „Letztlich schießen wir Tiere ja nicht des reinen Tötens wegen“, erklärt der Student, „sondern haben dafür vielfältige Gründe.“ Und das überzeugt zunehmend mehr.

Natürliche Form der Nahrungsbeschaffung

Einerseits sei die Jagd die doch ursprünglichste Form der Nahrungsbeschaffung, „mit hochwertigen und vollkommen natürlichen Lebensmitteln, die zu einer gesunden Ernährung beitragen“, sagt Christian Lichtenstein. Andererseits leisteten die Jäger durch ihren Einsatz auch ihren Anteil zum aktiven Naturschutz: „Reh- und Rotwild sind Pflanzenfresser, die durch ihren Verbiss den Bäumen schaden“, erklärt er. Nimmt das Überhand, könne es zu einem Problem werden.

Mischgehölze pflanzen

Wären die Wälder in der Vergangenheit durch Monokulturen wie Fichten dominiert, die sich im Zuge des Klimawandels als anfällig erwiesen, zudem auch wirtschaftlich keinen hohen Nutzen hätten, würden die Förster immer mehr dazu übergehen, Mischgehölze mit Buchen und Eichen zu pflanzen. „Wenn die Tiere bei diesen jungen Gewächsen aber den Terminal-, also den Haupttrieb des Baumes anfressen, ist dieser hinüber und der Natur geschadet.“ Und das gelte auch für die Nutzpflanzen: „Zum Leidwesen der Landwirtschaft gehen die Wildschweine gerne in den Mais“, sagt der Student, „und gerade diese vermehren sich rasant.“ Viele von ihnen seien mittlerweile bis in die Städte vorgedrungen.

 

Recht zum Jagen

 „Mitunter lege ich mich auch in Ochtmissen auf die Lauer und beobachte sie, wenn sie vorüberziehen“, sagt der 20-Jährige. Schießen darf er sie dort nicht – dafür fährt er bis ins benachbarte Radbruch, wo er gemeinsam mit seinem Vater von den Niedersächsischen Landesforsten das Recht zum Jagen besitzt. Eine Abschussbegrenzung gibt es für die beiden dort nicht, sechs Stück Rehwild und ein Wildschwein dürfen sie pro Jahr für ihre Pacht mit nach Hause nehmen, der Rest kostet extra. „Bei den Wildbretpreisen ist das derzeit aber erschwinglich.“ Rot-, Dam-, Reh- und Schwarzwild landen in der familieneigenen Tiefkühltruhe, letzteres wird aber auch in Teilen zur Verarbeitung an den Schlachter gegeben. „Der macht daraus Würste, und die stehen hoch im Kurs“, sagt der Lüneburger, dem aber auch klar ist: „Den Geschmack mag nicht jeder.“ Im Vergleich zu Rind oder Schwein sei Wild doch sehr intensiv und ganz besonders würzig. In seiner Familie und bei den Stammkunden aber überaus beliebt.

Foto: tonwert21.de

Und Jagen ist dabei vielmehr als nur das Töten eines Tieres, es ist Naturschutz, es ist Artenschutz, es ist Verantwortung und Wertschätzung. Es ist ein Einklang mit den Elementen. Es ist eben Passion.
Christian Lichtenstein

Dreiwöchiger Intensivkurs

Auch der Vater ist Jäger, hat 1997 seinen Schein gemacht – nicht in einem dreiwöchigen Intensivkurs wie der Sohn, sondern über einen längeren Zeitraum mit praktischer Begleitung. „Wenn man vorher noch gar keine Berührung mit der Jagd hat, ist das auch definitiv die sinnvollste Herangehensweise“, sagt Christian Lichtenstein, „denn es erfordert schon einiges an Erfahrung, um allein die Tierarten vom Hochsitz aus zu unterscheiden.“ Er selbst konnte auf eine langjährige Ausbildung verzichten: „Mein erstes jagdliches Erlebnis hatte ich mit fünf Jahren, seitdem hat mich die Passion nie mehr losgelassen.“ Es ist die enge Verbindung mit der Natur, die den Studenten an seiner Leidenschaft fasziniert, zudem die absolute Ruhe und Nähe zum Tier.

Jagen ist so viel mehr als das Töten

„Ich bin zu Zeiten im Wald, zu denen ich keinen anderen Menschen treffe“, sagt er, „mit dem ersten und dem letzten Licht und für die Wildschweine mitunter auch nachts.“ Das sei faszinierend. „Und Jagen ist dabei vielmehr als nur das Töten eines Tieres, es ist Naturschutz, es ist Artenschutz, es ist Verantwortung und Wertschätzung. Es ist ein Einklang mit den Elementen. Es ist eben Passion.“ Und mitunter auch Frust.
„Nicht jeder Gang ins Revier ist ja automatisch von Erfolg gekrönt“, spricht er aus Erfahrung. „Das hängt viel vom Glück ab, etwas auch von der Routine.“ Und nicht immer wird auch geschossen: „Neulich hatte ich ein Rudel von sieben Stücken Rotwild vor mir. Hätte ich eins erlegt, wäre große Unruhe entstanden, das wollte ich vermeiden. Also habe ich sie nur beobachtet.“ 

Gezielt und gekonnt

Denn auch das hat für den 20-Jährigen eine große Faszination – und eine überaus entschleunigende Wirkung. Dennoch ist es auch besonders der Schuss, der reizt. „Das kann und will ich gar nicht abstreiten.“ Ist das Tier erst im Visier, ist Christian Lichtenstein ganz ruhig. „Das ist ein automatischer Prozess: Sobald ich zur Waffe greife und sie an die Schulter lege, drücke ich auch ab.“ Gezielt und gekonnt, denn leiden soll das Opfer nicht, sich nicht verletzt durch den Wald schleppen, um irgendwo zu verenden. Und dafür wird trainiert. „Ich gehe häufig nach Garlstorf zum Schießstand“, sagt der Lüneburger, „da kann ich die vielfältigsten Herausforderungen üben.“ Unter anderem auch die Tücken der Drückjagd.

Wenn der Jäger zum Messer greift

„Dabei werden die Tiere mit Hunden und Menschen durch den Wald getrieben und dann geschossen.“ Schwierig, sind doch alle in Bewegung – aber durchaus attraktiv: „Denn so nah kommt man dem Wild sonst ja nun nicht.“ Vom Kitzel für die Nerven ganz abgesehen. Ist das Tier erstmal erlegt, erfolgt eine meist gleiche Prozedur: „In der Regel brechen wir sie vor Ort auf, häufig an eigens dafür vorgesehenen Plätzen.“ Im Idealfall hängt das Wild an seinen Hinterläufen, wenn der Jäger dann zum Messer greift. Brustbein und Bauchdecke werden geöffnet, die inneren Organe entfernt. „Wirklich blutig ist das nicht“, sagt Christian Lichtenstein – wenn der tödliche Schuss denn gelungen war.

 

Foto: tonwert21.de

Großwildjagd vs. heimische Jagd

Vom Wald aus wandert das Tier in den Kühlraum eines Bekannten, wird später von einem pensionierten Schlachter zerlegt, eingelagert oder verkauft. Besonders im Herbst ist das Lager voll: Dann hat die Jagd ihre Hochkonjunktur, die Tiere dürfen nach der Schonzeit wieder ohne Einschränkungen geschossen werden – egal, ob Ricke oder Bock, „denn das ist für den Tierbestand nicht von Bedeutung“, sagt Christian Lichtenstein. Ein stattliches Geweih – eine Trophäe – sei deshalb auch nur eine Zugabe, eine Erinnerung an ein erfolgreiches Erlebnis und nicht das hauptsächliche Ziel: „Das ist doch eher bei der Großwildjagd von Bedeutung.“ Deren Image hat sich im Laufe der Jahrzehnte denn auch nicht wirklich geändert, steht sie doch noch immer im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik – im Gegensatz zur heimische Jagd: Mehr Bio geht nicht.

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