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Aufs Ganze

von Melanie Jepsen
Erschienen: Zuletzt aktualisiert:

Wenn der Wind gut ist, zieht es Damaris Böhlig mit ihrem Board raus aufs Wasser. Kitesurfen, die Wellen spüren. Freiheit. Das Leuchten in ihren Augen lässt keine Zweifel aufkommen. Die 33-Jährige ist glücklich, mit sich im Reinen.
Rückblick: Damaris Böhlig arbeitet zuletzt im Marketing. Strukturen, Hierarchie, mit dem ständigen Druck klarkommen. „Ich habe immer versucht, mein ganzes Leben positiv zu sehen und zu schauen, wo ich mit meiner aktuellen Situation bin und was ich da Positives rausziehen kann“, sagt die ehemalige Lüneburgerin. „Aber man kann es sich nicht auf ewig schön reden. Die Manipulation, die man sich selbst gegenüber betreibt, die währt halt nur eine gewisse Zeit. Mein Körper hat mir immer wieder gezeigt, du bist auf einem Holzweg, das fühlt sich nicht richtig an.“ Trotz aller Signale kämpft die junge Frau immer weiter. Bis nichts mehr geht.

Der Moment, der wachrüttelt 

„Ich kann nicht den Tag sagen, aber es gab einen Moment, wo ich morgens aufgewacht bin und gedacht habe, jetzt ist Schluss. Das hört jetzt auf. Am liebsten hätte ich mich in mein Auto gesetzt und wäre einfach drauflosgefahren.“ Ohne ein Ziel vor Augen. Einfach los, beschreibt sie den Moment, der sie wachrüttelte. Da war dieser innere Wunsch, etwas zu ändern. „So lange du die Dinge nicht grundlegend änderst, verändert sich auch nichts“, davon ist Damaris Böhlig überzeugt. Sich wieder in den nächsten Job zu stürzen, war für sie keine Option. 2017 kündigt sie ihren Job, ihre Wohnung, alle Versicherungen. Sie wohnt die letzten Wochen bei Freunden in Lüneburg.

Dem Gefühl folgen 

Natürlich gab es da auch nachdenkliche Momente. Nicht jeder reagierte begeistert auf ihren Entschluss. Dennoch sagt sie heute: „Es hat sich so richtig angefühlt, wie noch nie irgendetwas in meinem Leben. Da passieren Dinge, von denen man vorher nicht mal geträumt hat. Es ist alles nur noch intuitiv gewesen.“ Vielleicht hätten andere die Notbremse gezogen. Damaris Böhlig wagt den Schritt ins Ungewisse, ohne zu wissen, wo es überhaupt hingehen soll. Sie fängt an, auf einem Facebook-Blog ihre Gedanken mit anderen zu teilen und sie sich von der Seele zu schreiben. Dann nimmt plötzlich alles seinen Lauf. Die Reaktionen überraschen die junge Frau.

Foto: nh/Peter Noßek

Wann immer ich kann und wenn der Wind stimmt, muss ich los.
Damaris Böhlig
über ihre Leidenschaft fürs Kitesurfen

„Menschen haben mich daraufhin angeschrieben. Es hat sich eine Route von Familien und Höfen auf der Landkarte ergeben, wo ich helfen und arbeiten könnte. Im Gegenzug boten sie mir ein Dach über dem Kopf. Hauptsächlich haben sich Leute aus Schweden gemeldet. Somit hat sich Schweden ergeben“, sagt sie. Das Land sei immer schon ihr Traum gewesen. Selbst dorthin gereist war sie bis dahin aber noch nicht. „Es hat sich alles irgendwie ergeben. Seitdem kommt alles auf mich zu, weil ich damals in einem gewissen Moment für mich entschieden habe“, bringt es Damaris Böhlig auf den Punkt. „Ich habe nicht mehr für andere gelebt, sondern ich habe mich zu 100 Prozent für mich selbst entschieden und dafür, was sich für mich richtig anfühlt. Ich wünsche jedem den Mut, etwas Neues zu wagen, sich nicht kleiner zu machen, als man ist.“

Neue Orte, neue Menschen

Im Juli 2017 geht es los. Damaris lässt Lüneburg hinter sich. Zwei Monate reist sie mit ihrem Auto durch Schweden, hilft hier und da und bekommt im Gegenzug Essen und Unterkunft: „Wenn man auf einmal morgens nicht mehr vom Wecker geweckt wird und seinen Tagesablauf hat, dann erlebt man die Zeit ganz anders und intensiver. Vor allem, wenn man neue Orte und neue Menschen kennenlernt. Ich habe Schafweiden umgezäunt, eine wilde Pferdeherde gehütet.“ Sie probiert sich in neuen Dingen aus. Mehrere Wochen unterstützt sie eine schwedische Familie, passt auf Kinder und Hunde auf. Vor ihrer Weiterreise machen sie ihr dann ein besonderes Geschenk, mit dem sie nicht gerechnet hätte: Purzel. Mit der jungen Hündin bekommt Damaris Böhlig eine Begleiterin auf ihrem großen Abenteuer. 

Eine Begleiterin für die großen Abenteuer

„Sie ist eine meiner besten Freundinnen, meine Lebensgefährtin und das beste Geschenk ever. Purzel ist der Hund, den ich mir immer gewünscht habe und ist zu dem Zeitpunkt in mein Leben getreten, in dem ich endlich Zeit für einen Hund hatte. Zudem wurde sie mir in dem Moment anvertraut, indem ich erfuhr, dass meine kleine Schwester gestorben war.“
Nach einigen Wochen in Schweden entschied sich Damaris Böhlig schließlich, vorerst wieder nach Deutschland zurückzufahren. Dort wartete gefühlt noch eine Aufgabe auf sie. „Auch wenn ich traurig war Schweden wieder zu verlassen, wusste ich, dass es ein Wink mit dem Zaunpfahl ist.“

Nächste Station: Dänemark

Ihren 30. Geburtstag feiert sie mit Freunden in Lüneburg. In der Altstadt wohnt sie vorübergehend bei einer Freundin, macht sich als Fotografin selbstständig, lädt zu Lesungen und startet Crowdfunding-Aktionen. Dann, eines abends im Bett: „Ich denke plötzlich, ich muss irgendwie wieder los und schaue in die Facebook-Gruppe ,Urlaub gegen Hand‘ .“ Und wieder ist es der Zufall, ein inneres Gefühl, das sie leitet. Eine Familie aus Dänemark schreibt dort, dass sie Hilfe auf ihrem Selbstversorgerhof braucht. Damaris Böhlig zögert nicht. 

Liebe auf den ersten Blick

Kurz darauf fährt sie für drei Wochen zur Probe hin. „Es war menschlich Liebe auf den ersten Blick“, schwärmt sie. Die Familie lädt die Deutsche ein, länger zu bleiben. „Das war der Moment, als ich wusste: Jetzt ist es so weit, es geht weiter.“ Sie habe nie das Gefühl gehabt, mit ihrer zwischenzeitlichen Rückkehr nach Deutschland einen Rückschlag erlitten zu haben. Vielmehr, so blickt die 33-Jährige dankbar zurück, habe sie einen Aufschwung erfahren, weil sie so viele Leute unterstützt haben. „Das war alles so befügelnd und inspirierend. Für mich war es perfekt.“

Erstens kommt es anders,
und zweitens als man denkt …

Samt Hündin zieht sie zu ihrer Gastfamilie auf die dänische Halbinsel Kegnæs am südlichen Ende der Insel Alsen. Gewinnt neue Eindrücke. Philosophiert mit ihrer Gastgeberin nächtelang über das Leben, wird ein Teil der Familie. Nicht nur in das Land verliebt sie sich zu diesem Zeitpunkt immer mehr. Fast intuitiv spürt die Wahl-Dänin, dass sie auf ihrer Reise diese eine Person finden wird. Sie soll Recht behalten. 

Mads ist es, mit dem sie gemeinsam auf der Insel Fyn lebt. 2019 kaufte das Paar ein Haus mit Garten. „Wir beide hatten das Gefühl, dass wir nun die Person gefunden haben, mit der wir das Leben genießen können. Wir reden über alles.“ Er brachte ihr auch das Kitesurfen bei – ihre bislang größte Herausforderung. Heute ist der Wassersport ihre große Leidenschaft.

Konfliktscheue Dänen

Damaris Böhlig hat sich in Dänemark selbstständig gemacht und erstellt erfolgreich Marketingkonzepte. Ihre Arbeitszeiten sind flexibel. „Viele Menschen trennen Arbeitsleben und Privatleben. Wenn man es vereinen kann, ist das ein viel freieres Gefühl“, ist sie überzeugt. Auch ihre Dänischkenntnisse werden immer besser. Obwohl sie immer noch lerne, gibt die 33-Jährige zu. Das Leben an sich sei anders als in ihrer Heimat: „Man verpackt auf dänisch alles immer freundlich. Die Dänen sind schon konfliktscheu.“ Gleichzeitig empfinde sie alles als viel persönlicher. Auch die beruflichen Entscheidungswege seien kürzer. „Ich habe das Gefühl, hier kommt man schneller ins Tun.“

Marketingkonzepte, Fotografie und Bücher schreiben

Damaris Böhlig fotografiert viel, findet wieder Zeit für ihr Herzensprojekt: ihr erstes eigenes Buch. Nie aus den Augen verloren, hat sie nun die innere Ruhe weiterzuschreiben. Darin verarbeitet sie Teile ihres Lebens. „Mit 30 fängt das Leben an“, lautet der Titel. Ihre Botschaft: „Macht das, was euch glücklich macht. Macht die Dinge einfach mal anders.“ Die Auswanderin möchte anderen Menschen helfen, sie inspirieren und sie ein Stück weit auf ihrem Weg abholen. Ihr Schritt sei extrem gewesen, gibt Damaris Böhlig zu. Um etwas für sich selbst zu verändern, reichen manchmal schon Abenteuer im Kleinen, neue Dinge auszuprobieren, sagt sie. Man müsse es einfach nur machen. 

Angekommen

Dänemark, das ist für Damaris Böhlig Freiheit pur. Immer wieder kommt sie mit Mads und Purzel an Orte, an denen sie vorher noch nicht waren. Früher sah sie das Land durch die Urlaubsbrille. Jedes Mal hatte die junge Frau das Gefühl, sie verlasse den Ort, an dem sie eigentlich sein will. „Heute sehe ich mich am rechten Fleck, da wo ich hingehöre. Damals habe ich etwas gesehen, das gefühlt nicht zu erreichen war, weil ich in dem Moment nicht dazu bereit war.“ Würde sie rückblickend etwas anders machen? „Nein“, sagt Damaris Böhlig. „Jede einzelne Sekunde und jede einzelne Entscheidung – auch wenn sie falsch gewesen ist – hat mich an den Punkt gebracht, wo ich heute bin.“

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