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Über das Nichtstun

von Hans-Martin Koch
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Drei Geschichten: Die erste handelt von der exzentrischen britischen Adligen Mary Portman, die mitten im idyllischen Alpenland ein englisches Schloss baut. Die Geschichte geht nicht gut aus. Die zweite handelt von Jakob Edinger, einem Hotel-Könner aus Österreich, den es ins rottende Schloss verschlug. Die Geschichte geht gut aus. Die dritte handelt von der Verzögerung der Zeit und dem Wert wahrer Erholung … und das ist natürlich die wichtigste.

Drei Geschichten

Von vorn: Mary Isabel Portman schlägt aus der Art. Sie kommt 1877 in London zur Welt, als zehntes Kind eines steinreichen adeligen Großgrundbesitzers. Mary wird professionelle Geigerin, besitzt eine Stradivari, spielt eine bis heute nach ihr benannte Guarneri. Sie führt lebenslang eine Beziehung mit der Pianistin Amy Hare, eventuell ist da auch was mit der Komponistin Ethel Smyth gewesen. Es sickert nicht viel durch zu Mary Portmans Leben, bis heute wird sie in der Familiengeschichte weitgehend ausgeblendet.

Steinreich, aber unglücklich

1913 aber, das ist sicher, kutschiert Mary Portman ins abgelegene Elmauer Hochtal hinter Garmisch, zu Füßen von Karwendel, Wetterstein und Zugspitze. Sie verliebt sich ins stille Idyll, kauft die Kranzbachwiese und lässt für sich und ihre Musikerfreundinnen und -freunde ein englisches Landschloss in den Alpen errichten, im angesagten „Arts and Craft“-Stil. Selbst ein 50-köpfiges Orchester soll Platz finden. Aber dann kommt der Krieg. Mary Portman, steinreich, aber unglücklich, muss raus aus Deutschland. Das Schloss wird trotzdem gebaut, doch die Erbauerin wird es bis zu ihrem Tod vor 80 Jahren nie bewohnen.

Hunde nicht gestattet

Ein Leben später, 2002, kommt Jakob Edinger aus Innsbruck ins Tal. „War es Schicksal, war es Zufall?“, fragt er. Über Jahrzehnte diente Schloss Kranzbach der Kinderlandverschickung, der Waffenforschung, der Erholung von US-Offizieren und so weiter – und schließlich als krachend scheiterndes Hotel. Edinger, promovierter Betriebswirt und weltweit als Hotelberater aktiv, will eigentlich mit Cassy, seinem Golden Retriever, zwei Kilometer weiter im weltberühmten Schloss Elmau einchecken und gucken, was das Haus so besonders macht. Aber: Hunde nicht gestattet!

Das Schloss gekauft

Edinger dreht um, sieht auf der Rückfahrt das eigenartige, eigentlich nach Schottland gehörende Schloss auf der Blumenwiese und davor ein verwittertes Schild: Kaffee und Kuchen, 3,50 Euro. „Ich dachte gleich, denen geht’s nicht gut.“ Stimmt. Aber an diesem Abend bekommt er die Suite, da darf er auch mit Hund hinein. Am Morgen haben die Pächter gegoogelt, wer dieser Edinger ist und erzählen ihm die wirtschaftliche Misere. Einige Windungen und Monate weiter kauft Edinger für eine siebenstellige Summe das Schloss, womit die dritte Geschichte beginnt. Edinger steckt wohl gut 40 Millionen Euro ins denkmalgeschützte Haus und einen neuen Gartenflügel, der sich in einen Hang schmiegt, und in lauter Dinge, die Körper und Geist gut tun samt einer „Baumwipfelsauna“. 2007 eröffnet „Das Kranzbach“.

Nichtstun heißt nun nicht, nichts zu tun

Edinger zählt nun 77 Jahre, entspricht mit seinem übergroßen Sakko, schlohweißen Haar und der Brille, die er in der Hand dreht, dem Klischee eines pensionierten Geographielehrers. Er spricht nicht laut, aber überlegt, und er hört jeden Subtext aus dem, was sein Gegenüber sagt. Er hat eine Formel für das, was den Wert wahrer Erholung ausmacht: „Nichtstun ist wichtiger geworden.“ Nichtstun heißt nun nicht, nichts zu tun. Aber entschleunigen, die Zeit bewusster zu erleben, Natur und Ruhe wahrzunehmen. „Du musst keine Bäume umarmen, keine sportlichen Höchstleistungen vollbringen, du musst einfach gehen“, sagt Edinger. „Natur heilt die Seele.“

Foto: oc

Tempel der Stille

Sie sind Luxus im Kranzbach, aber sie stellen ihn nicht aus. Sie backen an die 80 Brotsorten, sie pflegen einen Garten mit 130 Kräutern, und für den Clou sorgt der japanische Star-Achitekt Kengo Kuma. Er fand einen Kraftplatz für einen Tempel der Stille und innere Einkehr: Im Wald verschmilzt nun ein von heimischem Holz geprägtes Meditationshaus dank bodentiefer Fenster mit der Natur.

Verein zur Verzögerung der Zeit 

Edinger hat sein „Kranzbach“ dem Verein zur Verzögerung der Zeit angegliedert. Dessen Mitglieder „verpflichten sich zum Innehalten, zur Aufforderung zum Nachdenken dort, wo blinder Aktivismus und partikulares Interesse Scheinlösungen produziert“. Im Manifest des universitären Vereins heißt es, etwas wissenschaftlicher formuliert: „Das Streben, in einer Lebenszeit so viel wie möglich zu erleben, führt zum Verlust einer resonanzvollen Beziehung zu uns selbst, zu anderen Menschen und zur Welt.“ 

Vorsitzender des Vereins ist Martin Liebmann aus Reinfeld bei Hamburg, Autor des Buchs „Faul zu sein, ist harte Arbeit“. Edingers Hotel, sagt er, passe zum Verein, „auf andere Weise als wir es mit unseren wissenschaftlichen oder künstlerischen Interventionen tun, aber gerade dadurch die Vielfalt der Möglichkeiten zur Zeitverzögerung bereichern.“
Eines aber führt für viele Menschen zu einer ganz anderen Art von Verzögerung der Zeit: die Preisliste. Für ein paar Tage Kranzbach ließe sich auch eine Halligalli-All-Inclusive-Woche auf Malle buchen.

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