Startseite » Was uns prägt

Was uns prägt

von Melanie Jepsen
Erschienen: Zuletzt aktualisiert:

Es gibt viele Dinge, die uns prägen, uns unbewusst begleiten, in unserem Handeln beeinflussen. Das können Orte sein, Menschen oder genauso auch Erinnerungen. Welchen Einfluss haben sie auf unsere Persönlichkeitsentwicklung? Welche Rolle spielen dabei unsere Eltern? Wir haben mit Prof. Dr. Maria von Salisch gesprochen. Sie lehrt an der Leuphana Universität Lüneburg.


Frau Prof. Dr. von Salisch, inwieweit prägen uns Kindheitserlebnisse fürs Leben?

Maria von Salisch: Einschneidende Erlebnisse wie Misshandlung, Alkoholexzesse von Angehörigen oder ewig streitende Eltern verfolgen Menschen ein ganzes Leben. Anhaltende, aber unterschwellige Erfahrungen wie das Familienklima wahrscheinlich auch, weil wir uns vor allem dort geborgen fühlen, wo es „wie früher“ ist. Ganz wichtig scheint die Qualität der Bindung zu Mutter, Vater und anderen Bezugspersonen, wie etwa Tagesmütter oder Kita-Fachkräfte, in der frühen Kindheit zu sein. Hier werden Erwartungen aufgebaut, ob bei Unsicherheit, Kummer oder Not in der Regel Hilfe von der Bindungsperson zu erwarten ist. Gleichwohl sind diese Erwartungen nicht in Stein gemeißelt: Sie können sich auch ändern angesichts von Lebensereignissen, die zu größerer oder geringerer Ansprechbarkeit der Bindungspersonen führen.


Welchen Einfluss haben dabei unsere Eltern auf uns und wie weit reicht ihr Einfluss wirklich?

Maria von Salisch: Die Mehrheit der Kinder macht die Erfahrung, dass ihre Mütter und Väter sie regelmäßig bei ihren Schwierigkeiten unterstützen. Sie entwickeln eine sichere Bindung an sie, die sich auf Dauer in einem sicheren „inneren Arbeitsmodell von Beziehungen“ niederschlägt. Darin enthalten sind Erwartungen über die Zugänglichkeit von Bindungspersonen, aber auch Glaubenssätze über die eigene Liebenswürdigkeit. Denn die Kinder, die Unterstützung nur sehr selten oder ganz unregelmäßig erleben, fragen sich, ob sie für ihre Eltern nicht liebenswert genug sind. Das jeweilige Arbeitsmodell wird übersetzt in ein Selbstkonzept, das die automatischen Gespräche speist, die wir täglich mit uns selbst führen. Erwachsene verbringen 47 Prozent ihrer wachen Zeit, so haben Forschende herausgefunden, auf diesen vertrauten Gedankenpfaden, die sich oft auf negative Gefühle konzentrieren.

Inwieweit beeinflussen uns Erfahrungen ein Leben lang?

Maria von Salisch: Dieses „innere Arbeitsmodell“ tragen wir mit uns herum – es ist sozusagen die „default-Einstellung“, mit der wir unsere täglichen Erlebnisse wahrnehmen und an der wir sie messen. Eine unbedeutendes „kann gerade nicht“ kann hier leicht zu einem Beweis der eigenen mangelnden Liebeswürdigkeit geraten.


Welche Möglichkeiten haben wir, selbst in unserem Leben Regie zu führen, uns zu finden?

Maria von Salisch: Als Erwachsene müssen und wollen wir Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen. Insofern ist es eine gute Idee, derartige Glaubenssätze erstmal als solche zu erkennen und zu verstehen, welche Gefühle aus ihnen erwachsen. In einem nächsten Schritt kann es nützlich sein, sich Gedanken darüber machen, woraus sie entstanden sein mögen. Wichtig ist aber auch, positive Erfahrungen zu kultivieren. Denn wenn wir uns mit befriedigenden oder freudvollen Gedanken beschäftigen, können keine Selbstzweifel und andere negative Glaubenssätze gedeihen. Manche Menschen überlegen sich beispielsweise jeden Abend, worüber sie an diesem Tag Dankbarkeit empfunden haben.


Stichwort Mut zu Neuem, Mut zur Veränderung. Wie wichtig ist es, mutig zu sein?

Maria von Salisch: Im Leben brauchen wir Mut, aber nicht im Sinne von Heldentaten, die bewundert werden. Jeder Mensch braucht Mut, sich der eigenen inneren Wirklichkeit zu stellen, also die eigenen Glaubenssätze zu erkennen und zu hinterfragen. Beharrlich. Immer wieder.


Wie wichtig sind im Leben gemeinsame Erlebnisse?

Maria von Salisch: Gemeinsame Erlebnisse, wie beispielsweise im Urlaub, aber auch im Alltag, sind enorm wichtig, weil sie geteilte Freude bedeuten können, aber auch geteilte Aufregung oder geteiltes Leid. All dies schweißt Menschen zusammen und fördert solidarische Beziehungen. Zugleich unterbrechen die gemeinsamen ergreifenden Momente negative Gedankenketten und vertiefen Beziehungen. Was kann man sich mehr wünschen?

0

Weitere interessante Artikel