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„Wir genießen jeden Tag“

von Hans-Martin Koch
Erschienen: Zuletzt aktualisiert:

Am Rio Dulce in Guatemala sind es 30 Grad plus am Tag, nachts um die 24. In Hamburg zerzaust der Wind das Haar und wirft mit Regen um sich, das Thermometer kapituliert bei 14 Grad – mitten im Sommer. Drüben in Mittelamerika liegt „Worldi“, eine Yacht von 13,60 Metern. Heike und Herwig Münch, die Skipper, besegeln mit „Worldi“ die Welt. Jetzt, zur Hurricane-Saison, machen sie Heimaturlaub. Treffpunkt: City Sporthafen Hamburg. Dort starteten die Münchs 2015 zum Abenteuer ihres Lebens. Zwei, drei Jahre, sagten sie damals. Jetzt sind es sechs, und es ist lange noch nicht Schicht.

Ein großer Schritt

Die Münchs sind Hamburger, aber vor 30 Jahren zog es sie aufs Land. 24 Jahre lebten sie in Mechtersen in einem großen Reetdachhaus von 200 Quadratmetern plus 3000 Quadratmeter Garten. Dann packte es ihn, er musste hinaus auf See – und sie ging gerne mit. Was für ein Schritt! Beruf aufgeben, Haus verkaufen, „Worlddancer II“ fit für die große Fahrt machen. Zur Vollständigkeit: „Worlddancer I“ war ein Wallach.

Edel, aber eng

Das Boot ist Baujahr 2007, Typ „Allures 44“, gebaut in Cherbourg. Kennern wird das etwas sagen. Der Wohnraum an Bord umfasst samt Cockpit 25 Quadratmeter. In Mechtersen war schon das Billardzimmer deutlich größer. Wichtiger: Alles, was Sicherheit bietet, ist an Bord. Rettungsinsel, Satelliten-Telefon, Leuchtraketen … Und Komfort haben sie auch, eine vollständige Küche, Sitzecke, Möbel aus Kirschholz, ganz schön edel. Aber eben eng.

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Seemeilen hat das Paar bereits zurückgelegt

Herwig Münch hat die 70 nun überschritten, Heike Münch liegt noch darunter. Seit 40 Jahren sind sie ein Paar. Wer die beiden sieht, sieht: Sie mögen sich. „Klar gibt es auch auf dem Boot mal Streit, das ist doch ganz normal“, sagt sie. „Man kann ja nicht weg, man muss gleich drüber sprechen. Nützt ja nichts“, sagt er. Bisher jedenfalls wollte weder sie ihn noch er sie von Bord kippen. Ihre Stationen, gerafft: Portugal – Gran Canaria – Martinique – Bahamas – Florida – New York – Maine – Jamaika – Kuba – Mexico – Guatemala. Dazwischen viel mehr, auch mal hin und wieder her, etwa an den Rio Dulce, wo sie ihr Boot jetzt zum zweiten Mal an Land lagern.

Über Social Media Kontakt halten

Anders gesagt: 24700 Seemeilen, das sind 44448 Kilometer, mehr als einmal um die Welt. 39 Länderflaggen flatterten. Ab und an, wenn der HSV spielt, zieht Herwig Münch aber die Vereinsflagge auf, die mit der Raute; einmal Fan, immer Fan, auch wenn’s wehtut. Übers Internet sieht er zu, wie sein Verein regelmäßig den Aufstieg verpatzt.
Für Langzeitsegler sind „social media“ wirklich eine soziale Sache. Münchs können jederzeit Kontakt zu ihrem Sohn Matthias halten, der auch mal einfliegt; ebenso tauschen sie sich mit alten Freunden aus. Es gibt Facebook-Foren, über die sich Segler über Sicherheit und Wetter informieren. In Häfen werden untereinander per Funk-„Radio“ Tipps zum Einkaufen, Reparieren, Tauschen weitergegeben, zu Ärzten, Restaurants, lohnenden Ausflügen und was noch relevant sein könnte.

Nicht in Hotspots landen

Es bilden sich schnell Freundschaften in der „Community“. Die Langzeitsegler kommen aus der ganzen Welt. Frankreich aber sei die Seglernation Nummer eins, sagt Herwig Münch, gefolgt von den Deutschen und den Niederländern. Manche trifft man in irgendeinem Hafen wieder. Ist was am Mast, klettert Herwig Münch bis zu zwanzig Meter rauf. Bei Bedarf taucht er unters Boot. Sie sind beide fit, von größeren Krankheiten blieben sie bisher verschont. Mal zum Zahnarzt, mal was fürs entzündete Ohr – nix, was nicht allerorten auch anfällt. Mit Corona hatten sie keine Probleme. „Wir ließen aber viele mögliche Ziele weg, vor allem an der Ostküste der USA. Wir haben zum Teil Riesenschläge gemacht, um nicht in Hotspots zu landen“, sagt Herwig.

Schöne Landschaft

Wo es am schönsten ist? „Ach, jeder Ort hat seinen Reiz“, sagt Herwig, „die einen schwärmen für die Bahamas, andere für Florida. Wir fanden Maine toll, und wir mögen einfach Mittelamerika.“ Zum Beispiel Guatemala, wo der Worlddancer unwettersicher verpackt wartet. Zur Schönheit der Landschaft kommt: „Die Menschen sind sehr freundlich und offen, man fühlt sich sicher, hat nicht das Gefühl, dass man abgezockt wird.“ Wie geht es weiter nach der Hurricane-Saison? Östlich hinaus ins karibische Meer, dann wohl südlich mit gehörigem Abstand zu Honduras und Nicaragua – „Piraten!“ – mit Kurs auf die Insel Providencia. Sie zählt zu Kolumbien, wird als karibisches Paradies beschrieben. Weiter sollen die Segel nach Panama gesetzt werden, zu den touristisch kaum erschlossenen San-Blas-Inseln und dann? Mal sehen.

Logbuch über Häfen, Länder, Menschen

Natürlich erleben sie auch unangenehme und gefährliche Situationen, „aber nicht mehr als überall“, sagt Heike. Sie sagt, was sie schon vor vier, drei, zwei, eins Jahren gesagt hat: „Wir genießen es und sind extrem glücklich, dass wir das machen können.“ Heike Münch schreibt auf der Internetseite https://www.sy-worlddancer2-hamburg.de/ ein Logbuch über Häfen, Länder und Menschen. Bis Ende September sind sie noch im deutschen Norden, in Hamburg, in Lüneburg. Dann geht’s an den Rio Dulce. Manchmal, aber nur manchmal denken sie auch an Rückkehr. Mit Worldi wieder in Hamburg aufschlagen? 

Zeit nachzudenken

Die möglichen Routen haben sie schon mal abgesteckt, sie sind wegen der Winde aber schwieriger zu segeln als der Weg von den Kanaren gen Karibik. Sie könnten zurück nördlich über Kanada, Neufundland, Grönland, Island und die Färöer. Oder südlich über die Bermudas und die Azoren, das wäre wärmer. Aber über rund 3400 Kilometer wäre dem nicht so stabil berechenbaren Wetter kaum auszuweichen.
Heike und Herwig Münch haben alle Zeit, sich das zu überlegen. Drei Jahre wollen sie noch an Bord bleiben. Vielleicht fünf. Dann könnte es vielleicht eventuell unter Umständen sein, dass sie plötzlich sagen: „Wir sind dann mal hier.“

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