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Eine Frau, die ankommt

von Hans-Martin Koch
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Es gibt da so einen typischen LüneburgEffekt. Zum Beispiel im Café, hier das im Glockenhof. Das Gespräch dreht sich um Lüneburg und Kultur. Es dreht sich hin, wendet sich her. Dann mischt sich der Mann vom Nebentisch ein: „Es ist wirklich toll, wie sich Lüneburg entwickelt hat. Gerade die Kultur. Das Theater mit dem Ballett von Olaf Schmidt, großartig …“ Raphaela Weeke schmunzelt, sie freut’s. Der gute Mann ahnt ja nicht, dass sie die Co-Chefin des Theaters ist. Seit Juni arbeitet sie hier, seit Mitte Mai lebt sie hier – und nun weiß sie, dass in Lüneburg die Wege von Kopf über Herz bis Fuß kurz sind.

Bergauf mit der Karriere und geografisch

Sie hätte ja pendeln können, sie wohnte zuvor in Hamburg, nah am Stadtpark, „sehr schön“. Aus dem Norden kann sie allerdings nicht stammen, es liegt ein Hauch von Akzent in ihrer Stimme. „Ja, eigentlich bin ich da etwas verquer“, sagt Raphaela Weeke. Aufgewachsen ist sie in Weilheim im oberbayrischen Pfaffenwinkel. Die Eltern aber stammen aus Niedersachsen. Weeke studierte in Passau und München mit Schwerpunkten in Kulturwirtschaft und -management. Dann ging es bergauf – mit der Karriere und geographisch.
„Hamburg war mein Sehnsuchtsort“, sagt sie. Gesucht, beworben, genommen: An den Hamburger Deichtorhallen wurde Raphaela Weeke Referentin für Finanzen, Rechnungswesen und Controlling. 

Vom Osnabrücker Theater über’s Schauspielhaus Hamburg an das Theater Lüneburg

Die Welt des Theaters lag ihr aber seit einer Zeit am Osnabrücker Theater näher als das manchmal wildwüchsige Geschäftsgebaren in der Kunst. Als am Schauspielhaus Hamburg die Position des Controlling frei wurde, war’s „wie ein Sechser im Lotto“. Nun Lüneburg: Da gibt’s die Zusatzzahl dazu. Oder? „Ich hatte die Stelle gar nicht auf dem Schirm“, sagt die neue Verwaltungschefin und Co-Geschäftsführerin des Theaters.

Als ihr Vorgänger Volker Degen-Feldmann seinen Ausstieg ankündigte, tauchte das Theater auf ihrem Radar auf. „Es war wie eine logische Fortsetzung meines Wegs“, sagt sie. Nicht die Position der Chefin interessiert sie, aber der große Raum der Verantwortung, der Gestaltung.

Rote Rosen als Vorbereitung

Sie hatte Lüneburg nie zuvor besucht, „ich wollte immer mal zum Weihnachtsmarkt“, sagt sie. Das wollen sie alle. Kurz vor dem Bewerbungsgespräch hat sie sich Lüneburg dann angeschaut, „an einem nebligen, verregneten Tag“. Das fühlte sich an wie Hamburg. Als klar war, dass sie nach Lüneburg kommt, guckte sie sich „zur Vorbereitung“ die erste Folge der ersten Staffel „Rote Rosen“ an. Darüber muss sie nun etwas lachen.

Diese Stadt hat es mir sehr, sehr leicht gemacht, hier zu leben.
Raphaela Weeke

Vor dem Start am Theater hatte sie überlegt, zu pendeln, rechnete Vor- und Nachteile zusammen. Ergebnis: „Dass ich hergezogen bin, das war zunächst vor allem Effizienzdenken.“ Um Zeit und Energie für die neue Aufgabe zu haben, wollte sie „woanders einsparen“. Jetzt hockt sie nicht Stunden im Zug, sondern geht fünf Minuten den kurzen Weg von ihrer Wohnung am Lambertiplatz zum Theater. Und nun sagt sie das, was Lüneburger gern hören: „Diese Stadt hat es mir sehr, sehr leicht gemacht, hier zu leben.“

Samowar – eine To-Go-Adresse

Raphaela Weeke ist so in ihre neue Arbeit eingetaucht, dass sie kaum Zeit hat, die Stadt wirklich zu erobern. Na klar, der Markt – „am Brunnen hocken, mit einem Franzbrötchen vom Dinkelbäcker“. Das erste Gespräch mit dem Vorsitzenden des Betriebsrats, Matthias Herrmann, führte sie außerhalb des Theaters, im Samowar, dem Ladencafé im Herzen der Stadt. „Seitdem ist das meine To-Go-Adresse.“

Dass gleich nebenan am Lambertiplatz ein Buchladen öffnet, dass der Blick aus ihrer Wohnung zur Michaeliskirche geht … – das fühlt sich schon heimisch an. Auch wenn sie ein „diffuses Heimatgefühl in Bayern“ verortet, Raphaela Weeke liebt den Norden. Sie kommt in Lüneburg an, „ich fühle mich hier einfach wohl“.

Fast alles da

Nun aber bitte mal was Kritisches zu Lüneburg, was fehlt? „Nix. Es ist alles da.“ Na ja, in Hamburg hat sie Beachvolleyball gespielt. Das zählt hier nicht zu den Kernsportarten. Und ein Restaurant, in dem es leckere Ramen gibt, hat sie noch nicht gefunden. Ramen, das sind diese japanischen Nudeln, die meist in Suppenvarianten auf den Tisch kommen. Asiatische Lokale gibt es ja einige, sogar ein veganes in der Heiligengeiststraße. Sie wird es testen. Ob sie da Ramen haben? Keine Ahnung.
Der Mann am Nebentisch ist weitergezogen. Raphaela Weeke zieht es wieder ins Büro an den Reeperbahnen. Klingt nach Hamburg, ist aber die Adresse des Lüneburger Theaters.

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