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Manni on Tour

von Ute Lühr
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Manni macht es wie viele andere Deutsche auch: Er überwintert dort, wo es warm und sonnig ist. Dass er die Müllhalde einem möblierten Appartement vorzieht, liegt in der Natur der Sache – denn Lebensqualität definiert er ausschließlich über das Nahrungsangebot. Und das ist in den südlichen Gefilden gut, so gut sogar, dass Manni die Reise über das Meer gar nicht mehr antreten muss. Das hat viele Vorteile.

Seinen festen Wohnsitz hat Manni eigentlich in Norddeutschland, ohne ganz fixe Adresse, ist er da doch eher flexibel und wechselt ab und an die Unterkunft. In diesem Jahr lebte er zwischen März und August im idyllischen Neu Gülze, einem kleinen Ort nahe Boizenburg – ein Volltreffer, wie sich herausstellen sollte, denn hier traf Manni Manfred.

Bilder direkt aus dem Nest

Manfred Jordt ist Rentner und hat viel Zeit. Zeit, die er leidenschaftlich gerne seinen wechselnden Mitbewohnern im Garten widmet. Auf einem ausgedienten Strommast nisten dort seit vier Jahren wieder die weiß gefiederten groß gewachsenen Vögel, bringen ihre Jungen zur Welt und bereichern das Leben des Mecklenburgers: Eine eigens installierte Kamera überträgt die Bilder aus dem Nest zeitgetreu in den Partyraum, am Zaun auf der Straße steht eine Bank, lädt Passanten zum Verweilen und Beobachten ein, eine hölzerne Tafel gibt Auskunft über die Besonderheiten der Tiere. Und die verfolgt Manfred nun auch im Winter.

Foto: nh/tonwert21.de
Foto: nh/tonwert21.de

Mit Peilsender unterwegs

Als Zugvögel verlassen die Störche im Spätsommer den sich abkühlenden Norden, um im Süden ihre Nahrung zu finden. Manni macht da keine Ausnahme. Da er in diesem Jahr aber in den Garten der Jordts eingezogen ist, trägt er mittlerweile nicht nur einen flotten kleinen Ring am Fuß, sondern auch einen 30 Gramm leichten Peilsender auf dem Rücken. Manfreds gute Kontakte machten es möglich. Und dieser kleine Kasten überträgt nun regelmäßig Mannis Standort auf das Tablet seines Namensvetters – und das der Ornithologen. Steffen Hollerbach ist einer von ihnen. 

Interessantes Zubrot

„Eigentlich sind die Sender dazu gedacht, das Raumnutzungsverhalten der Tiere in ihrem Brutgebiet zu untersuchen“, sagt der studierte Landschafts- und Naturschützer, „seine Ortung in der Ferne ist da doch eher ein Zubrot für uns.“ Ein sehr interessantes allerdings. Denn auch wenn die Experten schon seit Jahren durch die Beringung der Tiere von Fachleuten aus aller Welt Hinweise auf das Zugverhalten der Vögel bekommen haben, erhalten die Informationen durch die Digitalisierung eine ganz andere Dimension.

Von Neu Gülze nach Madrid

„Wir sind nun in der Lage, quasi minütlich zu überprüfen, wo sich ein bestimmter Storch gerade befindet“, sagt der ehemalige Mitarbeiter der Stork Foundation. Und das betrifft auch Manni: Nachdem er Neu Gülze relativ spät im Jahr verlassen hat, ist er südlich von Madrid auf einer Müllkippe gestrandet, „wobei gestrandet hier das falsche Wort wäre“, sagt Steffen Hollerbach, „denn die Westzieher fliegen heute immer seltener weit nach Afrika, ist das Nahrungsangebot in Südeuropa oder auch Marokko doch umfangreich.“

Gene bestimmen die Route

Warum Manni ein Westzieher ist, kann der Fachmann nur vermuten: „Man geht davon aus, dass das genetisch veranlagt ist, die Tiere also entsprechend dem Verhalten ihrer Eltern handeln.“ Seien diese Westzieher, würden es fast immer auch die Jungen, seien sie Ostzieher, folgte der Nachwuchs in der Regel dieser Route. „Aufgrund der kürzeren Wege ins Winterquartier brüten sie dementsprechend auch eher im Westen oder Osten – was die Bildung einer Zugscheide zur Folge hat.” So befände sich in Deutschland eine nicht fest definierte Linie von der Elbe durch den Harz bis nach Thüringen, die die imaginäre Grenze bilde und über die Reise entscheide: „Der Großteil, der westlich davon aufwächst, fliegt Richtung Frankreich, die anderen über den Bosporus und Israel bis nach Afrika.“

Foto: nh/tonwert21.de

Westzieher dominieren

Waren es die Ostzieher, die bislang zahlenmäßig in Deutschland dominierten, sind es nun die Westzieher, die ihnen den Rang ablaufen. Und das hat einen guten Grund: „Die östliche Route ist für die Vögel viel bedrohlicher“, sagt der Experte, „und das liegt nicht nur am langen Flug.“ Gefahren durch nicht isolierte Stromleitungen, Tod durch gezielte Abschüsse, Verenden in zufälligen Sandstürmen, Hinscheiden durch giftige Chemikalien oder Ableben durch Dürreperioden in den Winterquartieren sorgten für eine hohe Mortalität. „Doch noch ein weiterer Faktor ist entscheidend.“

Versorgung der Jungtiere

Jene Tiere, die in Europa überwintern, hätten eine viel kürzere Rückreise und damit bessere Chancen für den Nachwuchs: „Denn wenn diese zeitig wiederkommen und dementsprechend auch zeitig ihre Jungen haben, ist das Nahrungsangebot einfach optimal.“ Die Feuchtigkeit des Frühjahrs sorge dafür, dass der Oberboden noch nass sei, die Regenwürmer sich dort gern tummelten. „Und die sind für die Versorgung der Jungtiere unerlässlich, da Störche zwar zu den Fleischfressern zählen, die Eltern aber nicht fähig sind, die Beute zu zerkleinern.“

Wechsel in der Population

Über die Jahre habe die Population daher einen Wechsel erfahren: Brüteten 2004 noch 1142 Paare in Mecklenburg-Vorpommern, waren es 2020 nur noch 653, während die Zahlen zu denselben Jahren in Niedersachsen von 411 auf 1298, in Baden-Württemberg sogar von 86 auf 1328 sprangen. „Und das spricht klar für die Westzieher“, sagt Steffen Hollerbach, der die gefiederten Freunde schon lange begleitet. Auch auf Reisen: „In einem Jahr haben wir uns aufgemacht und sind den Störchen bis in die Türkei gefolgt.“ Der Peilsender machte es möglich.

Manni auf der Spur

Diesen Aufwand betreibt Manfred nicht – und doch ist er Manni immer auf der Spur. „Es ist einfach großartig, zu sehen, wo er sich befindet und quasi auch, was er gerade macht“, sagt der ehrenamtliche Storchenbetreuer. Schon jetzt freut er sich auf dessen Rückkehr im kommenden Jahr – und, wer weiß, vielleicht auch wieder in seinen Garten.

Wer einen Einblick in die Zugrouten der Vögel haben möchte, sollte den Blog „Störche auf Reisen“ von Kai-Michael Thomsen vom NABU abonnieren.
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