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Traditionell und streng reell

von Josephine Wabnitz
Erschienen: Zuletzt aktualisiert:

Während der Semesterferien bin ich viel in Hamburg unterwegs gewesen. Ein besonderes Fundstück aus dieser Zeit ist der „Warlich Rum“ mit seinem stolz auf dessen Etikett prangenden Schiff. Das feine Produkt überzeugt neben stimmiger Optik mit wunderbaren Vanille- und Karamellaromen. Auf der Rückseite der Flasche sagt mir der Text, dass sich hinter dieser Spirituose eine Story verbirgt.
Nachdem ich mich im letzten Jahr schon mit Rum befasst hatte, ist nun meine Neugierde geweckt.

Tattoos als Teil der Kunstgeschichte

Der Mann hinter dem Produkt ist Dr. Ole Wittmann, der sich gerne bereit erklärt, mir von sich und seinem Rum zu erzählen. Er ist gelernter Werbekaufmann, hat schon immer eine Leidenschaft für Kunst gehabt und daher nach seiner Ausbildung noch Kunstgeschichte studiert. „In meiner Magisterphase habe ich mich tätowieren lassen und mich als angehender Kunsthistoriker natürlich gefragt, ob und wie Tattoos als Teil der Kunstgeschichte angesehen werden.“ Da es darüber kaum wissenschaftliche Forschungen gab, beschloss er, seine Doktorarbeit diesem Thema zu widmen.

Der größte Tattoo-Artist des letzten Jahrhunderts

Auf seiner Spurensuche stolperte er über einen der größten Tattoo-Artists des letzten Jahrhunderts: Christian Warlich. Schon auf dem Schulhof soll er seinen Kameraden Tattoos gestochen haben. Später reiste er als Seemann um die Welt, um sich schließlich in Hamburg niederzulassen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1964 war er über 40 Jahre Inhaber einer Hamburger Grogkneipe auf St. Pauli, die er gleichzeitig als professionelles Tattoostudio betrieb. „Tätowiert wurde vor 100 Jahren noch meist ‚mobil‘ – in Parks oder auf Schiffen ließen sich Menschen finden, die Tattoos stechen konnten. Christian Warlich war deutschlandweit erst der zweite Tätowierer, der einen ansässigen Betrieb hatte“, erläutert Dr. Wittmann. 

Hinter diesem Produkt verstecken sich gleich zwei interessante Persönlichkeiten. Ich erzähle hier ein bisschen von beiden. Foto: nh/tonwert21.de

Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte

Warlich wertete mit seinem geschäftsmännischen Auftreten seine Leidenschaft zu einem ernst zu nehmenden Beruf auf. Genau wie der nach ihm benannte Rum, war auch er „streng reell“. Dass er schon zu Lebzeiten als „König der Tätowierer“ berühmt war, überrascht mich nicht. „Die Geschichte Christian Warlichs hatte mich gepackt, ich begann über ihn zu forschen. Mehrere Jahre lang wühlte ich in Archiven, sammelte Infos und befragte Zeitzeugen, bis ich endlich eine Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte zeigen durfte.“ Zu deren Eröffnung hatte Dr. Wittmann in Erinnerung an Warlichs Grogkneipe frischen Grog ausschenken wollen – nur leider trinke das heute kaum noch jemand. „Da Grog mit Rum zubereitet wird, kam ich auf die Idee, einen Rum abfüllen zu lassen. Darüber würden sich meine Besucher schon eher freuen, und er eignete sich prima als Souvenir für den Museumsshop.”

Rum statt Grog

Gedacht, getan. „Ich habe mich prompt in Hamburg nach jemandem umgehört, der mit mir diesen Rum herstellen würde. Christoph von Have als Leiter der ältesten Spirituosenmanufaktur Hamburgs war sofort Feuer und Flamme. Für den Rum selbst nahmen wir ein altes Familienrezept.“ Die Spirituose werde in Jamaica destilliert und nach Hamburg transportiert, wo sie in der Manufaktur in Anlehnung an das Solera-Verfahren verfeinert werde. Dabei werden Destillate verschiedenen Alters miteinander vermählt. So reift der „Warlich“ Rum in über 60 Jahre alten Fässern heran, bevor er in die stilvoll designte Flasche gefüllt wird.
Apropos Flasche – trägt sie Warlichs eigenes Motiv? „Fast. Den Dreimaster entwarf ein Tätowierer, der schon in das Forschungsprojekt involviert war, in Anlehnung an eine von Warlichs Zeichnungen.“

Verschiedene Motive für Tattoos

Christian Warlich hatte seine Motive genau dokumentiert. Neben Herzen, Meerjungfrauen und Ankern gehörten auch Schiffe dazu. „1981 wurden diese Zeichnungen zum ersten Mal in einem Buch veröffentlicht. Die vielseitigen Tattoos in ihren leuchtenden Farben sind einfach überwältigend!“, berichtet Wittmann begeistert. Er selbst brachte 2019 eine neue Auflage des Albums mit Zeichnungen in Originalgröße inklusive neuer Forschungsergebnisse heraus. Nach Ende der Ausstellung hatte Dr. Wittmann das Fieber schließlich gepackt. “Der Rum kam gut an, so dachte ich mir, ich könnte damit an lokale Feinkost- und Spirituosenhändler herantreten.“ 

Von heute auf morgen in Hamburger Regalen

Diese Art der Akquise mache ihm viel Spaß; es habe ihn überrascht, wie schnell sein Produkt am Markt aufgenommen wurde. „In der Kunstforschung dauern die Dinge sehr lange – von der Idee bis zur Fertigstellung vergehen oft Jahre. Doch mein Rum stand von heute auf morgen in den Hamburger Regalen.” Seit etwa einem Jahr kümmert er sich inzwischen in Vollzeit um den Vertrieb. „Aktuell stemme ich das noch alleine, auch wenn mein Vater mir beim Ausliefern hilft.”

Warlich Eierlikör

Das ist sicher viel Arbeit? „Klar, aber es lohnt sich. Mich erreicht quasi seit dem ersten Tag so überwältigendes Feedback. Es ist toll, wenn die Leute Handwerk derart wertschätzen.” Der ungesüßte Warlich Rum wird von Hand abgefüllt. Ein einmaliges Produkt, welches an eine einmalige Person erinnert!
Für Dr. Ole Wittmann und seinen Rum ist die Reise ein Jahr nach dem Produktstart noch lang nicht vorbei. Erst seit Kurzem ist auch ein Warlich Eierlikör erhältlich, den ich ebenfalls bereits probieren durfte. Mir hat er sehr gut gefallen mit seiner cremigen Art und dem hauchfeinen Aroma von Vanille – mmmh! Statt mit dem üblichen Korn wird er natürlich mit Warlich Rum hergestellt. Übrigens: Über seine Forschung und Warlichs Leben berichtet Dr. Ole Wittmann ausführlich auf der offiziellen Warlich-Website.

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