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Treffpunkt: Tisch 14

von Ute Lühr
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Ein Dinner for One ist eigentlich nur dann amüsant, wenn der Silvesterabend droht und sich Butler James wie in jedem Jahr zum alkoholisierten Affen macht. „Ansonsten ist das eigentlich eine eher langweilige, mitunter auch bedrückende Situation“, sagt Urte Rötz, und die muss es wissen: Viele Jahre war sie beruflich unterwegs, saß an so manchem Tisch auch ganz allein. Das Restaurant als einen Ort der Geselligkeit zu erleben, das will sie allen Menschen bieten – und ist kreativ geworden.

Ein Ort der Geselligkeit

Mindestens einmal im Monat lädt die gelernte Hauswirtschafterin und Landwirtschaftsmeisterin Alleinstehende in ihr Restaurant in Bleckede ein, veranstaltet ein Single-Dinner – ohne Verkupplungsanspruch. „Mir geht es dabei nicht darum, dass sich hier Partner fürs Leben finden“, sagt sie, „sondern vielmehr um eine gute Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen und einen unterhaltsamen Abend zu haben.“ Und damit hat sie viel Erfahrung. Seit November 2019 führt die gebürtige Altmärkerin „Urtes Wohnküche“ an der Breiten Straße im Zentrum der kleinen Elbestadt, hat sich dort in historischen Gemäuern ein kleines Juwel geschaffen: Regional und saisonal ist ihr Anspruch, Bio häufig das Siegel: Die Karte ist klein und übersichtlich, wechselt alle fünf bis sechs Wochen das Angebot. 

Große Vielfalt nach Saison

„Auf den Tisch kommt, was im Garten wächst“, sagt sie und lacht. Und das ist eine große Vielfalt. Rote Bete und Kürbis haben derzeit Saison – die gibt es als Beilage zum Schweinefilet oder vegetarisch als Lasagne. Maximal sieben Hauptspeisen stehen zur Auswahl, werden zu den Öffnungszeiten frisch zubereitet. „Mein Koch ist großartig, ein echter Fachmann“, sagt Urte Rötz begeistert. Sie muss es wissen.

Familienrezepte im eigenen Blog

Ein Vier-Gänge-Menü für acht Gäste ist auch für die ehemalige stellvertretende Geschäftsführerin des Bauernverbands Lüneburg weniger Herausforderung als vielmehr Leidenschaft – derart, dass sie vor einigen Jahren begonnen hatte, wildfremde Menschen zu sich zum Essen einzuladen. „Angefangen hatte das alles aus einer Rotweinlaune heraus“, sagt die Hobbyköchin schmunzelnd, „und mit einem Blog.“ Weil die drei erwachsenen Kinder ihre Mutter immer wieder nach alten Familienrezepten fragten, entschied sie sich schließlich, diese regelmäßig auf eine Kochwebsite zu stellen. „Ich hätte nie gedacht, dass mir das einen solchen Spaß machen – und was sich daraus alles entwickeln würde“, sagt sie rückblickend. 

Wir hatten schon Menschen, die sich derart sympathisch waren, dass sie weiterhin Kontakt zueinander halten wollten.
Urte Rötz,
Inhaberin von „Urtes Wohnküche“

Denn der digitale Auftritt brachte den Stein ins Rollen. „Ich probierte immer neue Rezepte aus, testete sie an Freunden und Familie“, erzählt Urte Rötz. Irgendwann gingen ihr aber die Probanden aus: „Immer alle an einen Tisch zu bekommen, gestaltete sich zunehmend als problematisch“, sagt sie, „die Menschen haben einfach nicht genügend Zeit.“ Also suchte sie sich ein neues Publikum. Und das hatte Potenzial. „Die ersten Gäste waren die Bekannten von Bekannten, dann machte ich die ganze Sache öffentlich und hatte auch wildfremde Menschen bei mir zu Gast.“ Die hatten ihren Spaß.

Erlös geht an gemeinnützige Zwecke

Ansichten wurden geteilt, Meinungen ausgetauscht, mitunter neue Freundschaften geschlossen. Und das alles kostenlos. Denn zahlen musste für das Dinner keiner – nur geben, so viel jeder wollte. Den Erlös spendete Urte Rötz für gemeinnützige Zwecke, ein Engagement, das ihr aus der Mitgliedschaft bei einer Serviceorganisation vertraut ist. Dort liefen die Fäden irgendwann zusammen. „Ich hatte zum Ende meiner Präsidentschaft im Lions Club zum spanischen Buffet eingeladen und für 60 Personen gekocht“, erzählt die Neetzerin, „das hatte einen der Gäste auf die Idee gebracht.“ 

Ein eigenes kleines Lokal

Wer so viele Menschen so hingebungsvoll und professionell bewirten könne, wolle doch vielleicht auch ein Restaurant betreiben, dachte sich der Bekannte und gab ihr den entscheidenden Tipp: Die Wohnküche an der Elbe stehe leer, könne gepachtet werden. Nach zwei Wochen stand die Entscheidung fest. Seitdem dreht sich ein Großteil von Urte Rötz‘ Leben um das kleine Lokal mit seinen Tischen, die allesamt im ersten Stock stehen – das runde Exemplar mit der Nummer 14 regelmäßig für die Teilnehmer des Singletreffs reserviert. „Anfangs kamen ausschließlich Frauen“, sagt sie schmunzelnd, „mittlerweile haben sich auch Männer in die Runden getraut.“ Das hat die Sache noch weiter belebt.

Ideen ausprobieren und umsetzen

Zusammen sitzen, zusammen essen: Unter dreieinhalb Stunden sei der Abend nie zu Ende – und auch das Interesse nicht: „Wir hatten schon Menschen, die sich derart sympathisch waren, dass sie weiterhin Kontakt zueinander halten wollten“, weiß sie. Mittlerweile denkt Urte Rötz darüber nach, das Angebot noch einmal zu erweitern: So soll es künftig regelmäßige Abende geben, an dem Alleinstehende unter Anleitung gemeinsam kochen. Und auch der Charity-Gedanke lässt die dreifache Mutter nicht los: An den Sonntagen im Advent wird ein Wintermarkt veranstaltet – der Erlös eines Preisrätsels geht an ein Kinderhospiz. „Da gibt es dann Glühwein und Eintopf, Kekse und Kuchen.“ Und auch sonst hat die engagierte Gastgeberin noch jede Menge Ideen, die sie ausprobieren und umsetzen will. Und daran hat wohl keiner Zweifel.

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