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Dangerzone

von Ute Lühr
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Ein kluger Mensch sieht die Gefahr voraus und bring sich in Sicherheit, heißt es in der Bibel. Doch muss man kein Prophet sein, um zu wissen, dass das nicht immer möglich ist. Nicht selten geraten auch helle Köpfe in kritische Situationen, fühlen sich bedroht und fürchten um ihr Leben. Einen Vorteil hat dann nur der, der vorbereitet ist: Krav Maga hilft ihm dabei.

Israelische Selbstverteidigungs- und Nahkampfsystem

Seit vielen Jahren wird das israelische Selbstverteidigungs- und Nahkampfsystem auch in Lüneburg gelehrt, hat unter anderem in der Intense-Training Akademie Auf dem Schmaarkamp eine beständige Adresse – und mit Thomas Böhme einen ausgebildeten Experten: Im Alter von fünf Jahren hat er mit dem Kampfsport begonnen, wechselte später – auf der Suche nach funktionalen Kämpfen und realistischer Selbstverteidigung – zu traditionellen Kampfkünsten, „bis ich vor sieben Jahren Krav Maga entdeckte, und mich sofort zu Hause fühlte“.

Angriffe vermeiden oder sich zu verteidigen

Mittlerweile hat er gemeinsam mit seiner Frau Kaddy Ostermann, „der Seele der Schule“, wie er sagt, die Geschäftsführung der Akademie vom Eigentümer und Gründer André Dörnemann übernommen, ist dort zudem als Headcoach für einen Großteil der Ausbildung zuständig. Unter seiner Anleitung lernen die Teilnehmenden das, was den Kontaktkampf, wie das hebräische Wort übersetzt heißt, ausmacht: Angriffe zu vermeiden oder sich gegen sie zu verteidigen. Und das ganz individuell.

Enger Kontakt zur Polizei

„Krav Maga ist keine geschlossene Struktur mit gleichbleibenden Inhalten“, sagt Thomas Böhme, den hier alle nur kameradschaftlich Tom nennen, „vielmehr ist es ein offenes und lebendes System, das sich den tatsächlichen Bedürfnissen und Umständen anpasst.“ Und das spiegelt sich im Training wider: „So stehen wir in engem Kontakt zur Polizei und anderen Sicherheitsbehörden und wissen dadurch, mit welchen Gefahren wir es vor Ort zu tun haben. Und darauf gehen wir ein.“

Sich aus der Situation lösen

Bedrohungen durch scharfe Schusswaffen seien in Lüneburg eine Seltenheit, Angriffe mit Messern oder stumpfen Gegenständen nicht, und deshalb stehen solche Gefahren neben purer rein körperlicher Gewalt auch im Fokus. „Das strategische Ziel besteht dabei darin, sich zu verteidigen, sich aus der Situation zu lösen und dann zu fliehen“, erklärt der Experte, „und das wird immer wieder geübt.“

Handlungsabläufe im Unterbewusstsein verankern

Dabei sei nicht Kern der Aufgabe, eine Auseinandersetzung bis zu einem möglichen, wie auch immer definierten Sieg auszukämpfen, „denn dies ist kein Sport, und wir sammeln keine Punkte“. Vielmehr würden Ausgangslagen immer wieder durchgespielt, Handlungsabläufe immer wieder trainiert, um sie zu automatisieren, sie im Unterbewusstsein zu verankern und damit unter Stress abrufbar zu machen. „Dabei müssen wir das Training so ehrlich und wahrheitsgetreu wie möglich gestalten“, sagt Thomas Böhme, „reale Gefahr ist nicht zu hundert Prozent reproduzierbar, wir wollen uns dem aber zumindest annähern.“

Basics für Einsteiger

In den regulären Stunden, die auch für Einsteiger geeignet sind, lernen die Teilnehmenden deshalb zunächst die Basics: Schlag- und Tritt-, ebenso wie Clinch- Wurf-, Hebel- und Bodentechniken. Gelehrt wird Deeskalation und Prävention, Gefahrenerkennung und taktischer Rückzug, Gegenwehr bei Würfen und Stürzen sowie Angriffe und Gegenangriffe bewaffneter oder unbewaffneter Natur. Der Stresslevel ist moderat, „hier geht es um die Grundlagen“, sagt Thomas Böhme, „und die sollten auch die Fortgeschrittenen regelmäßig wiederholen.“

Reale Szenen für Fortgeschrittene

Die finden sich dann verstärkt im „Combatives & Sparring“ wieder, einer Stunde, die sich an das reguläre Training anschließen kann und fordernd ist: Im Mittelpunkt stehen keine einzelnen Übungen, sondern kleine Geschichten, Szenen, wie sie sich tatsächlich abspielen könnten: Der Überfall auf offener Straße, der Angriff aus dem Hinterhalt oder die Eskalation auf dem heimischen Sofa – und für eben diese hat die Lüneburger Akademie unter anderem extra einige Sitzmöglichkeiten in ihre Trainingshalle gebracht. In Extrastunden wird aber auch auf freiem Gelände, in engen Räumen, Autos oder bei Dunkelheit trainiert.

Jeder willkommen

Die Sparringspartner sind dabei so vielfältig wie die Gefahrenlagen, die sie simulieren: Männer und Frauen, Alt und Jung, durchtrainiert und weniger athletisch. „Letztlich kann jeder zu uns kommen, der fit und sicher werden will“, sagt der Geschäftsführer, der neben Zivilisten auch Angehörige von Polizei und Bundeswehr trainiert und außer Freizeit-Aktiven auch erfahrene Kampfsportler zu den Mitgliedern zählt. „Bei uns ist jeder willkommen.“

Geschützter Rahmen für Frauen

Zwölfmal pro Woche können die Männer und Frauen gemeinsam ins Studio kommen, Frauen sogar noch einmal mehr: Montags zwischen 18.15 und 19.15 Uhr steht das weibliche Geschlecht im Mittelpunkt, darf sich unter Kaddy Ostermann und ihrer Co-Trainerin Norah Kohn separat verbessern. „Manche haben eben einfach Berührungsängste“, sagt Thomas Böhme, „oder kommen mit bereits vorhandener Gewalterfahrung zu uns“, deshalb böte die Akademie ihnen hier einen geschützten Rahmen, in dem sie sich ganz frei bewegen könnten. „Obwohl“, und das gibt er dann doch noch zu bedenken, „wir sie gerne später auch fürs gemischte Training motivieren, denn eine Auseinandersetzung mit einem physisch stärkeren Gegner, immer noch leider häufig Männer, ist realitätsnäher.“

„Das strategische Ziel besteht darin, sich zu verteidigen, sich aus der Situation zu lösen und dann zu fliehen.“
Thomas Böhme
Geschäftsführer und Headcoach der Intense-Training Akademie

Realitätsnähe – das ist es, worum es letztlich geht, und deshalb wird es gerade beim „Combatives & Sparring“ auch mal richtig laut: Beschimpfungen stehen an der Tagesordnung, sind Teil der theatralischen Szenen. „Denn nur so können wir das wirkliche Leben mit all seinen düsteren Facette auch wirklich simulieren.“ Die sich anschließenden Auseinandersetzungen haben ein offenes Ende – aber nicht für alle Teilnehmenden ein befriedigendes. „Deshalb ist es wahnsinnig wichtig, dass wir die Beteiligten zum Schluss aus der Rolle holen, damit sie nicht in Angst und Panik nach Hause gehen oder sich als Versager fühlen, sollten sie die Situation nicht zufriedenstellend haben lösen können.“

Immer freitags auch Kinder- und Jugendeinheiten

Das passiert, ist aber nicht die Regel, denn meist gehen alle gestärkt und ausgelastet aus dem Studio: Es wird viel geschwitzt und auch gelacht, „denn abgesehen von unseren szenischen Auseinandersetzungen gehen wir doch sehr freundschaftlich miteinander um.“ Und das gilt auch für den Nachwuchs: Selbstwahrnehmung, Bestärkung und Selbstbehauptung sind neben dem sportlichen Anteil auch die Schwerpunkte der Kinder- und Jugendeinheiten, die freitags auf dem Programm stehen. Hier können Kids und Teens zwischen sechs und 17 in verschiedenen Gruppen fit und sicher werden.

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