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Tief ein und aus

von Ute Lühr
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Es ist das Erste, was wir machen, wenn wir die Welt betreten und das Letzte, was wir tun, wenn wir sie wieder verlassen. Der Atem begleitet uns das ganze Leben, beschleunigt sich bei Angst oder Anstrengung, verlangsamt sich bei Entspannung oder Schlaf, passt sich ganz automatisch dem Energiebedarf an. Und während wir andere Organe nicht beeinflussen können, gelingt uns das bei der Atmung doch ganz einfach – ein Umstand, den viele Therapeuten nutzen. Ob kontrollierte Hyperventilation, bewusste Reduktion oder natürlicher Fluss: So viele unterschiedliche Ausrichtungen es gibt, so groß ist auch die Anzahl ihrer Verfechter. Ich habe eine Expertin besucht.

Atemtherapie

Die Idee dazu kam mir bereits im Sommer, als ich im Südwestrundfunk einen Beitrag über Frank Stäbler gehört hatte. Trotz Long-Covid hatte der Ringer bei den olympischen Spielen in Tokio sensationell die Bronzemedaille geholt, nachdem er sich selbst vorher schon fast aufgegeben hatte. Zwanzig Prozent seines Lungenvolumens hatte die Krankheit ihm genommen, dazu kam ein Belastungsasthma. Eine Atemtherapie brachte schließlich die Wende und den Sportler wieder auf die Spur. Am Ende, sagt der Vorzeigeathlet, habe er sich trotz der Erkrankung stärker und besser gefühlt als je zuvor. Das machte mich neugierig.

Bewusste Atmung reduziert Stress

Der Tipp einer Freundin brachte mich schließlich zu Dietmut Ebel. Sie ist ausgebildete Atemtherapeutin und seit 20 Jahren selbstständig. In Handorf hat sie eine eigene Praxis mit gutem Zuspruch – schon vor Corona. „Durch bewusste Atmung Stress zu reduzieren, die Gesundheit zu stärken und sich wohlzufühlen, das war auch vorher schon ein Thema“, sagt sie, fügt aber an: „Die Pandemie hat das aber noch weiter verstärkt, zeigt sie doch, wie schrecklich es ist, wenn man nicht mehr richtig Luft bekommt.“

Die tieferliegenden Muskelschichten aktivieren

Richtig Atmen – das erscheint mir manchmal als komplexe Wissenschaft. Beim Pilates beispielsweise. Bewusste Atmung ist dort wichtig, um die tieferliegenden Muskelschichten zu aktivieren und Verspannungen vorzubeugen, so heißt es zumindest. Wenn man unter Belastung ausatmet, werde die Kontraktion der Atemmuskulatur mit der Kontraktion des Muskels in Übereinstimmung gebracht. Der Trainingseffekt erhöhe sich und die Übungen fielen leichter. Deshalb ist eine Grundregel bei Pilates und im Kraftsport, bei Anstrengung aus-, bei Entspannung einzuatmen. Mag sein, für mich ist das eher Stress, denn Bewegungs- und Atmungstempo lassen sich nicht in Einklang bringen.

Poweratmung = Leistungssport

Ich verzichte also auf diesen Aspekt – auch wenn mich die Aussagen von Frank Stäbler beeindruckt haben. Neben seinem regulären Training habe er eineinhalb Stunden täglich nur mit der Atmung verbracht: Schnellatmung, Bauchatmung, gar keine Atmung – die Konzentration darauf habe wahnsinnig viel gebracht, für Körper und Geist, sagt er. Interessant sage ich und staune über den Zusatz: Durch Poweratmung würden Gurus aus Indien etwa 5000 Kilokalorien in einer halben Stunde verbrauchen. Das sei wissenschaftlich erwiesen. Klingt nach Leistungssport.

Der „Erfahrbare Atem“

Den muss man bei Dietmut Ebel nicht erwarten, und auch sonst verfolgt die Atemtherapeutin einen etwas anderen Ansatz, steht bei ihr im Mittelpunkt doch der „Erfahrbare Atem“ nach Ilse Middendorf. Vor rund 30 Jahren ist ihr die Begründerin der Lehre während einer Fortbildung persönlich begegnet: „Der Funke ist sofort übergesprungen“, sagt die Handorferin, „und hat meinen weiteren Werdegang beeinflusst.“ Seitdem therapiert sie in diesem Sinne Erschöpfte, Gestresste und an den Atemwegen Erkrankte, aber auch Künstler, Rhetoriker und Menschen, die neue Erfahrungen sammeln wollen.

Foto: nh/tonwert21.de

Atmung in drei Kategorien

„Das Prinzip von Ilse Middendorf fußt auf der Einteilung der Atmung in drei Kategorien“, erklärt sie: das unbewusste Atmen, das willentliche Atmen und das Erfahrbare Atmen. Während das unbewusste Atmen die natürliche Funktion sei, die von der Geburt bis zum Tode anhalte, sei die willentliche die, die der Verstand bewusst steuert. „Der Erfahrbare Atem aber soll als unbewusste Funktion kommen und gehen und stellt somit eine Verbindung zum Unbewussten und auch zu den bewussten Kräften her. Atmung wird wahrgenommen, aber nicht willentlich beeinflusst, sondern bewusst wahrgenommen.“

Durch bewusste Atmung Stress zu reduzieren, die Gesundheit zu stärken und sich wohlzufühlen, das war auch vorher schon ein Thema. Die Pandemie hat das aber noch weiter verstärkt, zeigt sie doch, wie schrecklich es ist, wenn man nicht mehr richtig Luft bekommt.
Dietmut Ebel,
Atemtherapeutin

Vermittelt wird die Lehre in Handorf in Gruppen- oder Einzelarbeit – je nach Bedarf. Steht im Kollektiv das eigenständige Üben im Vordergrund, bei dem sich die Teilnehmenden durch Dehnungen und Bewegung von Spannungen befreien und auch durch Tonübungen neue Kraft schöpfen können, wird bei persönlichen Stunden auch durch manuelle Behandlungen der Atemfluss gefördert. Wir probieren beides aus.

Konzentration

Zunächst sitzen wir auf einem Stuhl. Ich mache kleine Übungen mit den Armen, richte erst den einen in die Waagerechte aus, dann beide, spüre den Unterschied, erfahre, wie mir das Atmen leichter fällt, wenn ich sie über den Kopf strecke. Dann darf ich mich auf die Liege legen. Die Hände auf dem Bauch abgelegt atme ich ein und aus. Es fällt mir nicht schwer, erfordert dennoch Konzentration. Dann geht Dietmut Ebel um mich herum, zieht und drückt am Bein, hebt es kurz an. Als sie es wieder loslässt, fühlt es sich viel schwerer an. Es sinkt förmlich in die weiche Matte. Das ist unerwartet, aber angenehm.

Tiefer Luft holen ohne Anstrengung

Die Therapeutin berührt die Arme und die Schultern, geht dabei einmal ganz um mich herum. Dann soll ich die Hände wieder auf den Bauch legen und atmen. Ich habe keinen Effekt erwartet und bin daher doppelt überrascht: Im Gegensatz zu zuvor bin ich in der Lage, viel tiefer Luft zu holen, ganz ohne Aufwand und Anstrengung. Das ist angenehm und bleibt mir in Sinn. Auch in den folgenden Tagen noch. Den Erfahrbaren Atem habe ich in der Kürze der Zeit sicherlich nicht voll erfasst, doch hat der Nachmittag bei Diemut Ebel meine Sensibilität für das Thema geweckt – zumindest dann, wenn ich daran denke. Ansonsten erinnert mich meine Uhr.

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