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Translation, please!

von Ute Lühr
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Alle paar Monate tauchen sie ein in eine neue Welt, finden sich an unbekannten Orten wieder, schlüpfen in andere Rollen, in andere Zeiten. Sie geben fremde Stimmen, fremde Geschichten und fremde Gedanken wieder und schildern sie in ihrer eigenen Sprache. Ohne sie würden viele große Werke der Literatur ihren Weg nicht quer über die Ozeane dieser Erde finden – und doch sind ihre Namen kaum bekannt: Literaturübersetzerinnen und -übersetzer arbeiten fast unbemerkt im Hintergrund. Cathrin Claußen ist eine von ihnen. Seit 2014 ist die Lüneburgerin freiberuflich in dieser Branche tätig, freut sich auf mehr Anerkennung und hofft auf die Erfüllung eines Traums. Die Prise hat mit der 47-Jährigen gesprochen.

Frau Claußen, seit sieben Jahren arbeiten Sie als Literaturübersetzerin. Was hat Sie dahin geführt?

Ich habe Anglistik, Deutsche Literatur und Kunstgeschichte studiert und hatte dann die Möglichkeit, ein Praktikum in einem kleinen Buchverlag in Berlin zu machen. Das war der Schlüssel für meinen beruflichen Werdegang. Ich habe in diesem Bereich später ein Volontariat absolviert, war als Hörbuchlektorin tätig, habe Textfassungen für Hörbücher erstellt und als freie Lektorin und Autorin gearbeitet, was ich auch immer noch mache. Bis ich zusätzlich eine neue Richtung eingeschlagen habe.

Was war der Anlass? 
Ich hatte ein Buch einer kanadischen Autorin gelesen und war sofort fasziniert. Allerdings gab es keine deutsche Übersetzung. Das hat mich derart gereizt, dass ich einen Teil des Werkes übertragen und mich damit für ein Stipendium für Berufsanfänger beim Deutschen Übersetzerfonds beworben habe. Mit Erfolg, worüber ich mich noch heute freue.

Wie sind Sie denn anschließend zu Ihrem ersten Auftrag gekommen?

Zum einen war diese eine Woche in Straelen an der holländischen Grenze definitiv der Türöffner, zum anderen habe ich danach, und das mittlerweile alljährlich, an der Tagung der Literaturübersetzer in Wolfenbüttel teilgenommen. Da konnte ich gute und hilfreiche Kontakte knüpfen und mich in Workshops fortbilden. Später habe ich dann über eine Kollegin den ersten Auftrag für einen amerikanischen Thriller erhalten – von der Autorin Megan Miranda, deren Bücher ich noch immer sehr gern übersetze, momentan sitze ich gerade am fünften.

Haben Sie nicht gerade als Übersetzerin aus dem Englischen jede Menge Konkurrenz?
Das ist sicherlich richtig. Allerdings gibt es auf der anderen Seite auch viel mehr Literatur, die übertragen werden muss, wobei ich momentan hauptsächlich an Unterhaltungsliteratur arbeite.

Also Krimis und Liebesromane?
Eigentlich zum größten Teil Thriller mit weiblichen Hauptfiguren. Ich hatte das Glück, einen Verlag zu finden, der mir regelmäßig neue Aufträge gibt.

Wie gelingt es Ihnen, den Stil der Autoren ins Deutsche zu übertragen?

Das geht natürlich nicht, indem ich den Text wortwörtlich übersetze. Viele Wendungen, die man im Englischen benutzt, funktionieren im Deutschen nicht. Satzbau, Kultur, Bildsprache, Redewendungen – das kann man alles nicht eins zu eins übertragen, denn in erster Linie geht es ja darum, einen gut lesbaren, flüssigen Text zu erschaffen, an dem die Leser Freude haben, bei dem sie nicht über einzelne Begriffe stolpern oder der Lesefluss unterbrochen wird. Es kommt also auf Kreativität und Sprachgefühl an und darauf, sich intensiv mit den Figuren des Romans und dem Ton der Autorin zu beschäftigen. Das macht den Reiz aus: das Spiel und die intensive Beschäftigung mit Sprache. Jede Übersetzung ist anders ­– so viele Übersetzerinnen es gibt, so viele Übersetzungen gibt es auch, was auch der Grund ist, warum Übersetzer genau wie Autoren auch Urheberinnen sind und in den letzten Jahren zum Glück auch immer mehr als solche anerkannt werden – das war leider nicht immer so. 

Foto: nh/tonwert21.de

Und wie lange dauert der Übersetzungsprozess?

In der Regel sitze ich etwa drei bis sechs Monate an einem Buch. Aber keine acht Stunden pro Tag. Das ist auch eine Frage der Konzentration. Zunächst muss ich das Werk lesen, dann in einem ersten Schritt eine Rohübersetzung machen, in der ich erst einmal relativ zügig runterübersetze und ein paar Begriffe kläre. In einem zweiten und dritten Durchgang dann lege ich das Augenmerk auf Stil, Satzbau, die genauen Formulierungen, ich suche die treffendsten Wörter und Wendungen, versuche auch Metaphern und andere Stilmittel aus dem Original ins Deutsche zu retten, was nicht immer ganz einfach ist, achte auf Wiederholungen und kläre auch Fachbegriffe – recherchiere im Internet oder frage manchmal auch Experten, wenn mal ein spezielles Fachgebiet in einem Roman vorkommt – in „meinem“ letzten Agententhriller zum Beispiel ging es viel um Börsenspekulation, da lerne ich oft noch so einiges dazu.

Was passiert im Anschluss mit der Übersetzung?
Ich schicke sie per Mail zurück an den Verlag, dort kommt sie ins Lektorat und wird noch einmal überarbeitet – es passiert beispielsweise leicht, dass ich selbst Wiederholungen einbaue oder Rechtschreibfehler, dafür ist dann das Lektorat und ganz am Ende nochmal ein Korrektorat wichtig. Zwischendurch bekomme ich das Manuskript noch einmal zurück und gehe die Änderungen durch. Wenn auch für mich dann alles in Ordnung ist, gebe ich es frei. Danach wird das Manuskript gesetzt, es werden die sogenannten Fahnen erstellt, die ich auch noch einmal zur Durchsicht bekomme, danach geht das Buch dann in den Druck. Meist dauert es mindestens ein bis anderthalb Jahre, nachdem ich den Auftrag für eine Übersetzung erhalten habe, bis das Buch dann endlich im Laden steht.

Wie wird Ihre Arbeit honoriert?
Ich bekomme pro übersetzte Seite einen festen Betrag, der je nach Schwierigkeit der Übersetzung und nach Verlag auch variiert. Dazu kommt in der Regel dann auch noch eine Umsatzbeteiligung. Je besser sich ein Buch verkauft, desto mehr profitiere dann auch ich davon.

Ist das ein besonderes Gefühl, wenn Sie in der Buchhandlung ein Werk liegen sehen, das Sie übersetzt haben?
Auf alle Fälle. Ich freue mich darüber immer noch sehr. Auch wenn mich mal Bekannte ansprechen, weil sie zufällig eine Übersetzung von mir gelesen haben. Leider ist es so, dass wir als Übersetzer noch immer zu wenig in Erscheinung treten und in Buchbesprechungen in der Presse oft nicht erwähnt werden. Dabei sind wir Kulturvermittlerinnen – ohne uns könnten viele Menschen so manches Buch nicht lesen.

Ist das ein Ziel, mit dem übersetzten Buch auf der Bestsellerliste zu landen?
Wenn das vorkommt, ist das natürlich ein tolles Gefühl, aber ich hätte da auch noch andere Ziele …

Zum Beispiel?
Ich würde gerne mal das Genre wechseln und auch mal Gedichte übersetzen. Rhythmus und Reim – das wäre eine neue Herausforderung. Und dann möchte ich ja immer noch das Buch, mit dem ich mich damals für das Stipendium beworben hatte, „Restlessness“ von Aritha van Herk, auf Deutsch auf den Markt bringen. Leider habe ich dafür noch keinen Verlag gefunden – aber das würde mich wirklich freuen.

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