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Bilder im Kopf

von Julia Drewes

Wie schmeckt eigentlich Heimat? Dazu gibt es wohl etwa 7,8 Milliarden unterschiedliche Antworten – so viele Menschen leben nämlich ungefähr auf unserem Planeten. Jede und jeder davon hat Speisen, die mit besonderen Erinnerungen und Emotionen verknüpft sind. Mit dem Gefühl von Sicherheit und Liebe, Vertrauen und Wärme – eben Heimat.

Soziale Projekt „Chickpeace“

Für Yad und Hewen gehören Granatapfelkerne dazu. Und Minze. Gewürze wie Kardamom und Zimt. Auch Tamarinden, Rosenwasser und Dolmas, das sind gefüllte Weinblätter. Yad stammt aus dem Irak und Hewen aus Afrin im Norden Syriens, kennengelernt aber haben sie sich über das soziale Projekt Chickpeace*, ein Hamburger Catering-Service, der als Kochkurs für geflüchtete Frauen im Jahr 2016 begann und der sich in der Region mittlerweile einen Namen machen konnte als Institution für hervorragende bunte Küche.
Yad, Hewen und 13 weitere „Chicks“ (selbstbewusste Frauen) mit Fluchterfahrung aus Syrien, Somalia, Eritrea und Afghanistan kochen dort landestypische Speisen für den Frieden (Peace) und teilen damit ein Stück ihrer kulturellen Identität. Beliefert wird jeder Ort, den das E-Mobil erreicht, auch Lüneburg.

Perspektive schaffen

Für Initiatorin Manuela Mauer geht es bei dem Projekt in erster Linie um Integration und darum, Frauen, die ohne Familie und mit wenig mehr als der Kleidung am Körper ihre Heimat verlassen mussten, eine Perspektive zu schaffen, nämlich die auf einen festen Arbeitsplatz. „Kochen und essen sind Tätigkeiten, die einerseits total kommunikativ sind, andererseits aber auch nonverbal funktionieren“, sagt die Unternehmerin. „Als man aufgrund der Fluchtbewegung in 2015 hilflos zuschauen musste, erschien mir das gemeinsame Kochen als umsetzbare Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen und etwas Freude zu schaffen.“

Unterhaltungswert und Gemeinschaftsfaktor

Gesagt, getan und es kam der Tag, an dem es gemeinsam auf den Wochenmarkt ging, um für die Gerichte einzukaufen, erzählt sie. „Wir haben dann jeweils eine oder zwei Frauen als Küchenchefinnen benannt, und diese hatten den Hut auf. Sie haben festgelegt, welche Speisen es geben wird und dann in der Küche Regie geführt.“
Allein dieser Prozess habe einen hohen Unterhaltungswert gehabt, weil zur Erklärung aus der Not heraus oft Hände und Füße zum Einsatz kamen, so Maurer. „Zum Schluss beim gemeinsamen Essen dann aber zu sehen, wie allen die Augen leuchten, war großartig. Ob es jetzt an den köstlichen Gerichten lag, oder daran, dass man Zerstreuung gefunden hat – am Ende war der entstandene Gemeinschaftsfaktor das Entscheidende.“

Auf Bestellung gekocht

Durch die Initiative eines Freundes kam der Stein schließlich ins Rollen: Auf seine Anfrage hin wurde erstmals nicht nur zum Spaß, sondern auf Bestellung gekocht. Die Fortsetzung folgte sogleich. Seit 2017 bereiten die Chickpeace nun Speisen für Caterings, private Feiern, Workshops und Veranstaltungen zu – inzwischen als Mini-Jobberinnen und auch in Festanstellung. Yad war die erste, die den Vertrag unterschreiben konnte. „Ich war kein Küchenprofi, bevor ich 2015 nach Hamburg kam“, sagt die Frau, die in ihrem alten Leben als Journalistin tätig war. Es komme darauf an, woher man stammt. „Ich bin in der Großstadt aufgewachsen und hatte küchentechnisch nur Basiswissen, alles andere habe ich mir hier mit den anderen Frauen Stück für Stück erarbeitet.“

Wertschätzung gegenüber den Speisen

Die anfängliche Unsicherheit im neuen Handwerk habe nicht selten für gesteigerte Aufregung gesorgt, sagt sie und lacht. Auch heute noch sei der Moment, wenn aufgetischt wird, manchmal vor Nervosität kaum auszuhalten. „Aber das verfliegt, wenn ich sehe, dass das Essen, das wir gemeinschaftlich zubereitet haben, bei den Menschen für Genuss sorgt.“
Yads Chickpeace-Kollegin Hewen hingegen gehört zu jenen, die schon von klein auf von Mutter und Großmutter das Kochen erlernt hatten, sie stieß mit einem ganzen Rezeptbuch im Kopf in die Gruppe. 

Hewen erzählt, dass das Kochen und das gemeinsame Essen in ihrer Heimat ein Stück Wertschätzung gegenüber den Speisen, aber auch gegenüber der Familie darstellt und deshalb einen zentralen, durchaus zeitintensiven Punkt im Tagesablauf einnimmt. „Viele unserer Gerichte sind hauptsächlich pflanzlichen Ursprungs, das liegt einerseits an der Fülle der guten regionalen Zutaten, zum anderen aber auch daran, dass es in den Randgebieten großer Zentren kaum Kühlmöglichkeiten gibt. Fleisch verdirbt dann schnell und bleibt dadurch meist festlichen Anlässen vorbehalten.“

Freie Unterstützung bei großen Aufträgen

Und weil bei Chickpeace am Ende doch viele Einflüsse aufeinanderstoßen, gibt es Dewi. Sie stammt ursprünglich aus Indonesien, lebt aber bereits seit 25 Jahren in Deutschland. Die studierte BWLerin hatte irgendwann nur noch wenig Spaß an Zahlen und ließ sich zur Köchin und Konditorin ausbilden. Chickpeace bucht sie als freie Unterstützung, wenn es um größere Aufträge geht, als „Spieltrainerin“, wie Manuela Maurer es ausdrückt. Ihre Aufgabe ist es, große Mengen zu planen, die Speisen logisch zusammenzustellen, sie koordiniert die Menüfolge und vor allem: Dewi passt die Rezepte hier und da dem deutschen Gaumen an, denn der sei, wie alle drei im Gleichton sagen, „etwas schwach“, wenn es beispielsweise um Schärfegrade geht, oder Geschmäcker von Zutaten, die hierzulande den meisten unbekannt sind. 

Ein gutes Gefühl

Das „Tamir Hindi“ sei so ein Beispiel, ein Getränk, das im arabischen Raum zu festlichen Anlässen wie dem Ramadan serviert wird. „Ein Grundbaustein ist die Tamarinde, eine dattelähnliche Frucht, die im Aroma recht streng und kompakt ist. Da versuchen wir, dem Originalgeschmack mit gewissen Zutaten dezent entgegenzusteuern, damit auch der ungeübte Gaumen noch Spaß daran hat“, erklärt sie.

Egal, ob man die drei Frauen im Küchentreiben beobachtet, oder sie davon erzählen lässt: Yad, Hewen und Dewi sind in ihrem Element, offensichtlich lieben sie, was sie tun. „Wir kommen alle aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen, aber uns verbindet, dass die Speisen, die wir mit unserer Heimat verknüpfen und hier zubereiten, Bilder im Kopf erzeugen. Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Dewi. Das findet auch Hewen. Wenn sie an Afrin denkt, trauere ein Teil von ihr. „Aber der andere Teil freut sich, dass ich mit dem Kochen unserer traditionellen Gerichte so etwas wie eine Brücke bauen kann. Es fühlt sich an, als würde ich meiner Familie, Freunden und allen anderen, die dort bleiben müssen, ein Zeichen setzen.“

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